Plitsch!

Eigentlich habe ich mein Leben im Griff. Wirklich! Stemme Arbeit, Kindererziehung und die Herausforderungen des Alltags, Woche um Woche. Ich schaffe das schon! – Jedenfalls solange bei mir zu Hause nichts kaputtgeht.

Ein paar Tage lang konnte ich mir einreden, dass ich das gelegentliche „Plitsch!“ aus der Küche ganz heimelig finde. Unter dem Wasserhahn steht ja sowieso die Schüssel für das Blumengießwasser. Aber vielleicht sollte so ein Hahn auf Dauer ja doch nicht tropfen.  

Guter Rat ist wie üblich leicht zu haben. Du brauchst eine Rohrzange, meinen die Kollegen. Und wenn du so eine No-Name-Armatur hast, musst Du sie ganz austauschen. Hast du keinen netten Nachbarn im Haus, der dir das mal schnell repariert, wenn du dich ein bisschen aufbrezelst und mit den Augen klimperst? Unsinn, sagt der Vater meiner Kinder, Du ziehst einfach die Hähne ab und holst das Ventil raus und wechselst die Dichtung. – Das klingt… einfach und überzeugend.

Im Baumarkt greife ich mir eine dieser Armaturen, wie ich sie in meiner Küche habe, und steuere die Information an. Eine ältere Frau berät dort hilfesuchende Kunden. Prima, denke ich, eine Frau – die wird mich nicht so von oben herab behandeln wie die Männer, denen ich sonst immer meine Baumarktfragen stellen muss.

„Ich brauche eine Dichtung für diese Armatur“, spreche ich sie an.

„Welche Dichtung denn?“

„Na… die Dichtung, die ich wechseln muss, wenn dieser Wasserhahn tropft!“

„Da gibt es nur eine.“ Mit dieser kryptischen Aussage hält sie das Gespräch für beendet und wendet sich dem nächsten Ratsuchenden zu.

„Können Sie mir die eine bitte zeigen?“

Sie verdreht die Augen und führt mich in den Gang, in dem auf einer mindestens zwei Quadratmeter großen Fläche Dichtungen in allen Größen, Formen und technischen Ausführungen ausgestellt sind. Die hatte ich auch schon entdeckt.

„Hier, nehmen Sie die.“ Ich bekomme ein Tütchen mit schwarzen Gummischeiben in die Hand gedrückt.

„Äh…“ – ich vergleiche die Scheiben mit meinem diffusen mentalen Konzept von „Dichtung“ – „Warum haben die jetzt kein Loch in der Mitte?“

„Ach – dann nehmen Sie die hier“. Ein weiteres Tütchen. „Da sind halbe Dichtungen und Vierteldichtungen drin, irgendwas wird schon passen. Welche da genau passt, weiß ich jetzt auch nicht, bei dem Produkt.“

Ich nehme das Tütchen in Augenschein. Die Gummischeiben haben Löcher und sind unterschiedlich groß. Und dick. Aber ich bin immer noch nicht zufrieden. „Müssten da jetzt nicht zwei von jeder Sorte drin sein, ich meine, eine für den Kaltwasserhahn und eine für den Warmwasserhahn?“

„Zeigen Sie mal her!“ – Sie schaut sich die Dichtungen genauer an. „Na wenn die Kunden alles immer an die falsche Stelle hängen, kann ich es auch nicht ändern“. Neues Tütchen.

Jetzt sind tatsächlich zwei in jeder Größe drin. Um ihre – leicht beschädigte – Kompetenz wiederherzustellen, zeigt die Mitarbeiterin mir noch die Ventile, die ich im Inneren meiner Armatur finden werde und die Stelle, an der die Dichtung darin angeschraubt ist.

„Und diese Ventile kommen dann raus, wenn ich die Hähne abziehe?“ frage ich hoffnungsvoll.

„Nee“, meint sie mit leicht sadistischem Unterton, „die kommen da nicht raus, die müssen Sie schon abschrauben.“

„Klar“, sage ich, „abschrauben.“ Damit sie jetzt nicht an meiner Kompetenz zu zweifeln beginnt, frage ich lieber nicht nach, welches Werkzeug ich dafür brauche. Stattdessen kaufe ich schnell noch eine schöne, leuchtend orange Badewannenrutschmatte, um das alte, graue Exemplar zu ersetzen, dass mir vor einiger Zeit verschimmelt ist. Das Orange wird großartig zu meiner Lieblingsmangodusche passen.

Zu Hause lege ich das Päckchen mit den Dichtungsringen bereit und krempele – gedanklich – schon mal die Ärmel hoch. Das wäre doch gelacht!

Als erstes, haben die Kollegen gesagt, muss ich die Hähne unten unter der Spüle zudrehen.

Fünf Minuten später gebe ich auf. Möglich, dass es sich bei den Dingern da unten um zwei Hähne handelt. Drehen lassen die sich aber definitiv nicht.

Was tun? Könnte ich den Vater meiner Kinder, einen technisch begabten Exliebhaber oder den handwerkernden Ehemann meiner Nachbarin zu einem gemütlichen Essen-und-Wasserhahn-reparieren einladen? Menno. Ich bin eine starke Frau! Ich will das selber können!

Vom Wasserhahn kommt  – leise und hämisch – „Plitsch! – Plitttttttsch!!!“

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