Vor mir die Sintflut

Das Elbsandsteingebirge sieht – finde ich – aus, als ob es bei seiner Erschaffung aus Versehen vom Tisch gefallen ist und die Bruchstücke ein paar Jahrmillionen in einem feuchten Keller gemodert haben – bevor sie wiederentdeckt und die noch verwertbaren Stücke auf Betreiben des lokalen Tourismusvereins zu den beeindruckenden Felsformationen zusammengestapelt wurden, die es so berühmt machen.

Werden die Felstürme halten? Wird diese durch einen breiten Spalt vom eigentlichen Berg getrennte Wand mir gleich auf den Kopf stürzen? Darf ich hier husten? – Fragen, denen es sich beim Wandern wunderbar nachsinnen lässt: In den tiefen Schluchten, in denen die Steine moosbewachsen und feucht um einen her aufragen; auf den Stufen, Stiegen und Leitern, die aus diesen Schluchten hoch zu den Bergspitzen führen (und auch wieder herunter, was am Ende immer noch ein bisschen anstrengender ist), und oben auf den Felsen, von denen man einen wundervollen Ausblick über bewaldete Täler und weitere großartige – aber wackelig anmutende – Felsmassive hat.

Drei Tage mit einer Freundin – und ohne Kinder – in der Sächsischen Schweiz. Nach kürzester Zeit hat uns das Wanderfieber erfasst, und nichts – keine Blase am Fuß, keine vom Regen glitschig gewordene Stiege; weder die komplizierte Suche nach dem perfekten Wanderstab noch die Kirnitzschtalbahn, die uns beinahe in den Straßengraben fährt; nicht die Enttäuschung über ein weiteres nicht mehr geöffnetes Waldgasthaus und auch nicht die Übermacht Schweizer Touristen auf der Bastei – kann uns davon abhalten, unseren kompliziert ausgetüftelten Wanderrouten zu folgen bis unsere Füße (Knie, Hüften, Waden, Schienbeine etc.) schmerzen.

Abends humpeln wir glücklich in Bad Schandau ein, wo wir Unterkunft gefunden haben.

Dort war ich zum letzten Mal vor 10 Jahren. Damals erholte sich die Stadt gerade – langsam – von der Flut in 2002.

An die erinnern jetzt Schilder mit den damaligen Höchstständen. Weit über meinem Kopf, auch dort, wo die Straße schon mehrere Meter höher liegt als der Elbkai. Schilder mit den Höchstständen, die die Flut in diesem Jahr erreicht hat, gibt es noch nicht, die Stadt kämpft mit den frischen Schäden. Die ersten Läden haben gerade wiedereröffnet. Andere verweisen auf Ausweichquartiere in höher gelegenen Straßen oder verkaufen aus Marktwagen. Lüftungsgeräte rauschen, Fenster stehen hinter Selbstbau-Spundwänden offen, die jetzt nicht mehr vor dem Wasser, sondern vor Diebstählen schützen sollen. Bauarbeiten allerorten. „Wo in der Zukunft Hoffnung liegt“ – so steht es auf dem Plakat, mit dem ein Hotel seine Wiedereröffnung ankündigt – „liegt Kraft in der Gegenwart.“

Aber was ist mit dem Wissen, dass auch die nächste Flut in der Zukunft liegt? Wieviel Kraft muss es kosten, zum dritten oder vierten Mal wiederaufzubauen, ohne die Gewissheit, dass es diesmal für mehr als ein paar Jahre sein wird?

Die Elbe fließt ruhig in ihrem Bett. Wassermassen bis zu den Schildern mit den Daten von 2002 können wir, die wir sie nicht gesehen haben, uns kaum vorstellen.

Unsere Kraft reicht gerade noch aus, um die Straße mit den drei bereits wieder geöffneten Restaurants zu finden. Dem deutschen Restaurant ist der Koch weggespült worden – oder jedenfalls das Gewürzregal, so fade, wie die Bandnudeln schmecken (Oh, wir verwöhnten Hauptstädterinnen!). Nebenan beim Italiener stehen die Touristen im Regen nach freiwerdenden Tischen an. Gegenüber könnten wir beim Döner-Chinesen noch ausprobieren, ob die Glutamat-Allergie noch immer so schlimm ist wie früher.

Und dann fallen wir in unsere vom Vermieter sorgfältig gemachten, blütenweißen Betten. Dass er auch unsere Schlafanzüge akribisch zusammengefaltet hat, lässt mich lieber die Tür abschließen. Aber wahrscheinlich ist er ja nur ein bisschen perfektionistisch. Vom Tisch aus, an dem wir ein herrliches Perfektionistenfrühstück genießen, haben wir einen wunderbaren Blick auf eine Felswand – ungefähr einen Meter hinter dem Fenster steht die.

Regenjacken einpacken, Blasenpflaster erneuern, Wasserflasche füllen. Das Allerwichtigste nicht vergessen: die Wanderkarte. Und schon sind wir wieder unterwegs.

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4 Gedanken zu „Vor mir die Sintflut

    1. Greta Autor

      Oh, dann genieße es, wenn Du da bist! Bei mir waren es ja nur zweieinhalb Tage – und trotzdem musste ich mich mächtig zusammenreißen, um nicht drei Seiten drüber zu schreiben, wie schön es war…

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  1. Kathrin

    Hihi, genial geschrieben zwischen Bewunderung, Bedauern und ein klein wenig Ironie!
    Ich liebe die Sächsische Schweiz und gehe sehr, sehr gerne dort wandern. Schön, dass ihr dort wart!
    Ähnliche Gedanken zu den Flutopfern habe ich auch. Das zweite Mal alles weggespült. Trotzdem wieder aufbauen? Wird die „Jahrhundertflut“ ein drittes Mal innerhalb von zwanzig Jahren zuschlagen?
    Viele belustigte und nachdenkliche Grüße,
    Kathrin

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    1. Greta Autor

      Liebe Kathrin, danke für das Lob! Freu mich! Ja, ich bewundere die Leute, die da so unverzagt weitermachen. Und hoffe doch sehr, dass ich früher wieder mal dorthinkomme als die nächste Jahrhundertflut… Liebe Grüße zurück von Greta

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