Badetag

Manchmal hasse ich es, alleinerziehend zu sein. Es muss noch nicht mal einer der Tage sein, an denen sich alles gegen einen verschwört. Nein, es reicht das Aufeinandertreffen der ganz normalen Gegebenheiten von Berlin mit den ganz normalen Gegebenheiten meines Lebens – um mich hin und wieder völlig fertigzumachen.

Der Achtjährige muss Schwimmen üben. Der Vierjährige auch. Beide sollen das nämlich gerade lernen, und der Achtjährige kriegt sogar eine Zensur dafür, wie gut er sich in ein paar Monaten über Wasser hält. Die meisten Kinder in seinem Alter können das eh schon, also… ab ins Schwimmbad. Solange der erste Schnupfen noch nicht richtig ausgebrochen ist. Weil wir gerade ein Wochenende miteinander verbringen und sonst erst in vier Wochen wieder Zeit haben.

Gerade an diesem Wochenende haben aber saisonbedingt noch alle erreichbaren Hallenbäder geschlossen. Außer demjenigen, zu dem der Bus fährt, der gerade heute „wegen Demonstrationen im Innenstadtbereich“ (Für einen besseren öffentlichen Nahverkehr? Für bezahlbare Schwimmbäder? Für die Rechte Alleinerziehender?) nur eingeschränkt verkehrt. Wir brauchen also schon eine Stunde für den Hinweg.

Im Umkleideraum (der Achtjährige geht natürlich nicht mehr mit in die Frauenumkleide, er ist ja kein Baby mehr) verzweifelt mein großer Sohn, weil er die Duschen nicht findet. Kunststück, die sind ja auch ein Stockwerk tiefer. Der Vierjährige weigert sich, sich abduschen zu lassen. Mir wird jetzt schon kalt.

Der Bademeister verleiht keine Schwimmhilfen. Und erlaubt dem Achtjährigen nicht, im Wellenbecken – in dem gerade gar keine Wellen gemacht werden –  in den Nichtschwimmerbereich zu schwimmen, obwohl ich im brusthohen Wasser mehr oder weniger danebenstehe. Ja ok: Ich habe den Vierjährigen auf dem Arm und könnte den Achtjährigen wirklich nicht retten. Aber das könnte doch der Bademeister übernehmen?

Der Vierjährige möchte ins Babybecken, aber nicht alleine. Der Achtjährige möchte beim Rutschen aufgefangen werden, der Vierjährige schreit gellend „Hiiiilfe!“, weil das Wasser so kalt ist. Während der Achtjährige schwimmt, bibbert der Vierjährige auf der Bank. Beim Rausgehen haben beide blaue Lippen und betteln ausdauernd – um ein Eis.

Auf der Rückfahrt macht der Bus uns die Tür vor der Nase zu. (Leuten davonzufahren, die von irgendwoher angerannt kommen und sehr gerne noch mitfahren wollen, ist ja ein beliebter Sport unter den Berliner Busfahrern – Mütter mit Kindern stehenzulassen, bringt wahrscheinlich besonders viele Punkte). Um die Kinder über die zwanzig Minuten Wartezeit hinwegzutrösten, kaufe ich dann doch Eis. Und bereue es bitterlich, denn die Truhe, aus der die Kinder sich im schabbeligen Kreuzberger Imbiss bedient haben, ist – äh – nicht ganz so sauber, wie ich das gern hätte. Zu spät. Dem Vierjährigen schmeckt das Eis nicht. Zum Glück fällt es runter (und noch nicht mal auf unsere Tasche…).

Wäre das alles einfacher, wenn ich so einen Tag nicht allein durchstehen müsste? Wenn ich mit nur einem Kind schwimmen gehen könnte? Oder wenigstens mit einem anderen Erwachsenen drüber lachen… und das nicht erst am Abend am Telefon? Ja. Es wäre einfacher.

Manchmal habe ich es durch und durch satt, meinen Alltag allein zu meistern.

Deshalb lasse ich mir jetzt eine schöne heiße Badewanne ein. Randvoll mit Selbstmitleid.

(Dann gehts morgen auch wieder.)

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8 Gedanken zu „Badetag

  1. Stefanie

    Oh, ich mag Deinen Blog und Deine so schön formulierten Texte so gerne! Und wie oft erkenne ich meinen Alltag wieder, wenn auch – nicht mehr – alleinerziehend… (Aber mit Mann ist es auch nicht viel besser, der Schwimmkurs für die Fünfjährige startet morgen, ich warte dann mit dem Baby vor der Halle – mir graut!)
    Liebe Grüße, Stefanie

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    1. Greta Autor

      Liebe Stefanie, danke!!!! Schön, dass Du hier gern liest und dass ich nicht die einzige bin, deren Alltag sich manchmal so grausig anfühlt… Das tröstet. Viel Erfolg in und vor der Schwimmhalle 😉
      Liebe Grüße von Greta

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  2. cloudette

    Liebe Greta, puh, kann ich sehr gut nachvollziehen. Es IST anstrengend. Wobei: Es kann auch zu zweit anstrengend sein. Wenn man sich nämlich nicht gegenseitig unterstützt, sondern sich in so einer Situation auch noch anzickt und grandios auf die Nerven geht. Dann ist es alleine sogar manchmal einfacher …
    Das Schwimmenlernen habe ich bei meiner Tochter (damals auch alleine mit ihr) in einen Schwimmkurs ausgelagert. Da lernte sie es ohne große Proteste ganz schnell. Mit mir als Lehrerin war das eher …. nicht so effektiv und etwas nervig.

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    1. Greta Autor

      Liebe Cloudette, ja, wahrscheinlich bin ich eine ziemlich unbrauchbare Schwimmlehrerin… aber wir hatten auf unserer Kur so viel Spaß am gemeinsamen Schwimmen-Üben und Plantschen (da war das Becken ja auch nur drei Minuten von unserem Zimmer entfernt…), dass ich das so gern hier auch haben wollte… Sobald dann mal einer von den beiden Schwimmen kann, wird es ja auch einfacher. – Die Zeiten, in denen solche Tage dann noch durch gegenseitiges Anzicken gekrönt wurden – ja, an die erinnere ich mich auch noch. Aber die emotionalen Gewichte verschieben sich bei mir gerade: Weg von der Erleichterung, vieles auf meine Weise machen zu können, hin zu dem Wunsch, manches auch mal wieder nicht immer alleine zu machen. Liebe Grüße! Greta

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  3. guinness44

    Ich denke, dass Du, wie alle anderen Menschen auch, manchmal dem „das Gras ist grüner, auf der anderen Seite des Zauns“-Gefühl erliegst. Stell Dir vor, dass Du mit dem Vater (es ist übrigens sehr interessant zu sehen, wann Du von Vater und wann Du von Papa sprichst) Deiner Kinder gemeinsam unterwegs gewesen wärst. Da wäre vielleicht das eine oder andere einfacher gewesen, aber vielleicht hättest Du Dich auf ihn und er sich auf Dich verlassen und zack hätte eine Badehose oder ein Handtuch gefehlt und es war keiner Schuld. Alternativ wäre der Bus weg gefahren und dann wären die Vorwürfe los gegangen, dass einer zu lange gebraucht hat, etc. Es gibt einfach diese Tage, die laufen nun einmal nicht. Dann kann man auf geteiltes Leid ist halbes Leid hoffen oder alternativ hat meinen einen Partner oder Parterin, der/die noch extra von oben drauf haut. Als Kind habe ich mich immer gewundert, warum sich nur meine Eltern gestritten haben und bei meinen Freunden war immer alles gut. Bis wir irgendwann alt genug waren, um es anzusprechen und Überraschung bei anderen Familien flogen auch die Fetzen.
    Ich lese Dein Blog mit sehr großem Interesse und auch wenn ich hoffe, dass meine Frau und ich uns nie trennen, sollte es jemals so weit sein, dann scheint mir euer Wechselmodell so ziemlich die beste Möglichkeit, dass die Kinder mit Mutter und Vater aufwachsen. Das ist bestimmt nicht einfach, aber so wie Du es beschreibst, macht ihr das beste daraus.
    Ich weiß nicht wie es Dir geht, aber ich stelle in der Erziehung meiner Kinder immer wieder fest, dass ich Verbote, Ermahnungen, Hinweise, etc ausspreche und in dem Augenblick, da sie meinen Mund verlassen haben, höre ich in der Erinnerung den gleichen Satz von meinen Eltern. Ich habe es damals nicht verstanden. Heute tue ich es und ich glaube, dass sich meine Eltern sehr gefreut haben, als ich es ihnen gesagt habe. So werden auch Deine Jungs sich irgendwann sehr für das bedanken, was Du und Dein Ex jeden Tag für sie tun. Sei stolz auf Dich und was Du Deinen Kindern jeden Tag vorlebst.

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    1. Greta Autor

      Danke… Auch hierfür erst heute richtig Zeit! Ich glaube schon, dass wir das beste daraus machen. Und das hinkriegen, was wir wollen: dass die Kinder uns beide erleben und uns beide liebhaben dürfen. Sie haben wohl mehr von ihrem Vater als manches Kind in einer heilen Beziehung, in der die Mutter den größten Teil der „Familienarbeit“ übernimmt. Und klar: als Paar an so einem Tag unterwegs, da ist es leicht, dass man in Streit miteinander gerät. Ich hoffe, dass es das ist, was man beim Alleinleben lernt: Mit solchen Situationen klarzukommen, ohne jemand anderem die Schuld daran zu geben – einfach, weil kein anderer da ist, dem man sie geben könnte. Und ich hoffe, dass man diese Fähigkeit dann in eine neue Partnerschaft mitnimmt. – Mir geht das eher nicht so, dass ich in meinem Erziehungsverhalten das meiner Eltern wiedererkenne. Naja – manchmal… Aber dass sie es so gut gemacht haben, wie sie nur konnten – das weiß ich auch, seit ich Kinder habe. Liebe Grüße und Danke für die nachdenklichen Kommentare! Greta

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