Zen in der Kunst des Abendbrotmachens

Ein lauer Abend. Wir können nochmal auf dem Balkon essen. Wer hilft mir beim Vorbereiten?

„Ich!“ ruft der Achtjährige.
„Ich auch!“ schreit der Vierjährige.

Der Vierjährige rennt los: Stühle aufstellen! Der Achtjährige hinterher, überholt, schubst den Vierjährigen beiseite. Lautes Heulen.

Ich ermahne den Achtjährigen.
Ich tröste den Vierjährigen, indem ich ihn an ein Versprechen von gestern erinnere: „Du darfst dafür die Paprika abschneiden!“

Das kann der Vierjährige noch nicht alleine. Er geht voraus, das Messer stolz erhoben, ich hinterher. Er hält die Paprika fest. Ich schneide.

„Ich will die auch waschen und kleinschneiden!“ ruft er glücklich.
„Nein, das will ich machen!“ ruft der Achtjährige.
„Nein,“ beschwichtige ich, „das habe ich gestern dem Vierjährigen versprochen.“

Der Achtjährige zieht einen Flunsch. Dann will er die Brote schmieren. Alle.
Meinetwegen.

„Mama,“ ruft der Vierjährige weinerlich, „ich brauche jetzt ein Sieb für die Paprika!“
Ein Sieb? „Nee, die kannst Du doch einfach unter dem Wasserstrahl abreiben!“
Mein Vorschlag ist dem Vierjährigen nicht so ganz geheuer. Muss er sich beim Paprikawaschen jetzt etwa die Hände nass machen?
„Das ist eklig!“ beschwert er sich.

„Mama,“, ruft der Achtjährige, „Du musst mal Brot schneiden und Brötchen in den Ofen stecken!“.

Ich nehme das Messer zur Hand. Ich schneide eine halbe Scheibe Brot ab.

„Mama,“ ruft der Vierjährige, „Ich brauche ein Brettchen!“

Ich lege ihm ein Brettchen hin.

Ich schneide eine weitere Scheibe Brot ab.

Geschrei vom Tisch. Der Vierjährige hat sich mit dem Messer gepiekt. Lautes Weinen. Trösten. Nachschauen, ob Blut fließt. Kein Blut. Erleichterung auf allen Seiten. Ich halte die Paprika fest, der Vierjährige schneidet.

Ich schalte den Ofen an.

Der Achtjährige schneidet eine Packung Brötchen auf und lässt das abgeschnittene Tütenstück gelassen auf den Boden fallen.

Der Vierjährige verstreut Paprikakörner über den Tisch, den Stuhl und den Fußboden.

Der Achtjährige stellt einen Plan auf:
„Also, eine Scheibe mit Streichkäse und eine Scheibe mit dem anderen Streichkäse und eine Brötchenhälfte mit Scheibenkäse und ein ganzes Brötchen mit Wurst. Mama, dann brauche ich… also… zehn Wurstscheiben.“

Ich schneide zwei Wurstscheiben ab.

„Mama,“ schreit der Vierjährige, „guck mal!“ Er hat eine Babypaprika in der Schote gefunden.

Ich bewundere die Babypaprika.

Ich schneide die Wurst fertig.

„Mama,“ schreit der Vierjährige, „Was kann ich noch machen?“

„Hm.“ Wenn ich schon mal Hilfe habe, will ich das auch ausnutzen. „Du kannst Getränke eingießen! Hier sind Becher, hier ist der Saft, hier ist ein Krug mit Wasser.“ Er macht sich an die Arbeit.

„Mama,“ ruft der Achtjährige, „guck mal, die Käsebrote sind schon fertig!“

Ich bewundere die Käsebrote.

„Mama,“ klagt der Vierjährige, „jetzt habe ich Saft verschwabbert!“

„Ist nicht schlimm, hol einen Lappen und wisch das einfach auf.“

Ich bewundere die Käsebrote zu Ende.

Als ich mich wieder umdrehe, wischt der Vierjährige mit dem Tischlappen auf dem Boden herum.

Ist nicht schlimm, tröste ich mich selber. Der kann ja in die Wäsche.

„Mama,“ ruft der Achtjährige, „die Brötchen sind fertig, wo sind die Topflappen?“

Ich suche die Topflappen.

„Mama,“ ruft der Vierjährige, „jetzt habe ich aus Versehen nur Saft eingegossen und kein Wasser!“ – – –

Irgendwann sitzen wir am Tisch.
Ich bin ein klitzekleines bisschen erschöpft. Eigentlich unverständlich, bei so viel Hilfe.
Meine Söhne sind stolz auf sich.
Der Achtjährige lässt sich ausgiebig für den schönen Teller mit Broten und Brötchen loben.
Der Vierjährige ist so begeistert von seiner Leistung, dass er zum ersten Mal in seinem Leben in ein Stück Paprika beißt.

„Iiieh,“ ruft er entsetzt: „das ist eklig!“

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3 Gedanken zu „Zen in der Kunst des Abendbrotmachens

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