Atempause mit Pilze gucken

Den Stechlinsee habe ich immer für ziemlich unerreichbar mit öffentlichen Verkehrsmitteln gehalten. Bis eine Freundin, die es besser wusste, kurzerhand einen Rufbus bestellte, um mit mir um diesen See zu wandern.

Auf den Rufbus müssen wir in Fürstenberg warten – der kleine Ort, in den ich so gern ab und zu komme, um in dem schönen Seengebiet zu paddeln, ist nur etwa 80 Kilometer von Berlin entfernt. Nah genug, um den einen oder anderen Trend auch hier ankommen zu lassen: Draußen am Bahnhofsvorplatz hat ein Guerilla-Knitter (heißt das überhaupt so?) zwei Straßenschildern hübsche bunte Leibchen mit puscheligen Krausen um die Pfosten gestrickt. Beinahe pünklich biegt der Kleinstbus um die Ecke, der uns und zwei andere Wandersfrauen zum Stechlinsee bringen soll.

Der – einzige – Ort am Stechlinsee heißt Neuglobsow und ist mit großen Parkplätzen, einem beträchlichen Informationszentrum und hübschen Häuschen, in denen Ferienwohnungen zu vermieten sind, auf viele, viele Touristen eingestellt – deutlich mehr, als an einem Septembersonntag hier herumlaufen.

Die Hauptstraße führt direkt zum Wasser. Der schmale Rundwanderweg – durch die Ausläufer, die der See in verschiedene Richtungen streckt, 14 Kilometer lang – schlängelt sich durch den Wald ans Ufer. Zwischen den Bäumen öffnet sich immer wieder der Blick auf den weiten See und die gegenüberliegenden Wälder, in denen die Blätter gerade anfangen, sich zu verfärben. Alle paar Minuten verlocken uns Picknickbänke – unter denen dringend ein Orthopäde eine Runde machen und Einlagen gegen einseitige Beinverkürzungen verschreiben müsste – zum Rasten. In den Bäumen braust der Wind. Das Wasser schlägt dumpf gegen den unterspülten Rand des Sees, kleine Schaumkronen blitzen kurz auf.

Der Wald entlang des Weges ist großteils ein Totalreservat. Vermodernde Stämme schmiegen sich an den Abhang oder in kleine Senken, andere sind ins Wasser gestürzt, auf einem Stamm hat sich im See ein kleines Kräuterbeet angesiedelt. Manche sind ganz frisch gefallen und tragen noch grüne Blätter an den Zweigen.

Auf den umgestürzten Bäumen haben sich die schönsten Pilze angesiedelt: Baumpilze, die wie Klettergriffe aus abgstorbenen Stämmen ragen; wunderschöne Stöcke Schwefelköpfchen, die sich Mühe geben, als Stockschwämmchen durchzugehen. Krause Pilze, die wie Korallen aussehen; heitere leuchtendweiße mit glänzenden Köpfchen, die in lockeren Grüppchen ganze querliegende Stämme besiedelt haben. Ein Fotograf arrangiert seine Ausrüstung vor einem Stück Rinde mit kleinen Pilzchen auf langen, dünnen, roten Stielchen; der Akku meines Fotoapparates ist natürlich gerade alle. Also machen wir große Augen – und kommen kaum heraus aus unserem Ah und Oh. Aus dem Moos schieben sich kleine Täublinge in hübschen Rottönen. Dazwischen wunderbare weiße Knollenblätterpilze (die sehen aus wie weiße Schokolade, sinniert meine Freundin, und da weiß ich, dass wir jetzt ganz dringend Picknick machen müssen) und knuffige Fliegenpilze, deren Anblick schon ausreicht, um mich braune Maronenköpfchen unter jedem Buchenblatt halluzinieren zu lassen.

Aber essbare Pilze haben neben dem vielbegangenen Weg keine Chance. Der einzige, den wir finden, ist schon zur Hälfte einer riesigen, dicken, schwanzen Nacktschnecke zum Opfer gefallen. Viele von diesen Schnecken gibt es hier, größer und schwärzer, als ich sie jemals irgendwo gesehen habe. Das mag – wir albern ein bisschen herum, damit wir nicht wirklich anfangen, uns zu gruseln – an dem alten Kernkraftwerk liegen, dessen Gebäude und Schornstein hier versteckt im Wald stehen und seit der Wende rückgebaut werden. (Führungen mittwochs 13 Uhr in jeder geraden Kalenderwoche nach telefonischer Anmeldung, steht auf der Info-Tafel am Zaun).

Düster ist es in den Wäldern rund um den alten Meiler, der kleine Kanal, über den das Kühlwasser in den Stechlinsee geleitet wurde – oder vielleicht noch wird – schimmert blau-grünlich. Eine Weile geht der Weg am Zaun des Kraftwerkgeländes entlang, und wir versichern uns gegenseitig, dass die Rest-Radioaktivität bestimmt nicht weiter als bis zu diesem Zaun reicht.

Später schlängelt der Weg sich zurück an den See. Wir müssen Kilometer machen, wir haben auch für den Rückweg den Rufbus bestellt. Aber es muss genug Zeit sein, um unsere erschöpften Füße noch mal ins Wasser zu tauchen. Und für einen kurzen Blick auf die Schautafeln am limnologischen Institut, dessen Forschungen – seit der Inbetriebnahme des Kernkraftwerks 1969 – den Stechlinsee in der Fachliteratur bekanntgemacht haben. Ein nährstoffarmer Hartwassersee ist er, erfahren wir, dessen Wasser so klar ist, dass Licht bis in große Tiefen fallen und seltenen Organismen wie den Armleuchteralgen das Überleben ermöglichen kann. Eine eigene, ausschließlich hier vorkommende Fischart – die Maräne – gibt es auch; und wenn wir uns jetzt nicht wirklich beeilen müssten, würden wir gern in einem hiesigen Lokal eine kosten. Ob es sich um die Fische handelt, die wir im zartgrünen Wasser eines in den See einmündenden Kanals haben stehen sehen, kleine Fische in großer Zahl, nach der Strömung ausgerichtet wie die Teilchen in einem Magneten?

Fünf Minuten vor dem Rufbus sind wir zurück an der Haltestelle. Keine Zeit für die Ausstellung in der kleinen, stillen Kirche, keine Zeit, die Esel anzusehen, die wir schreien hören; schade. „Das geht schon seinen Gang“, sagt der Busfahrer beruhigend, der keine Fahrkarten mit sich führt und mir deshalb auch keine verkaufen kann; „steigen Sie mal ein.“

Mit müden Füßen sitzen wir in Fürstenberg auf dem Bahnhof und warten auf unseren Zug nach Berlin. Einen Schluck Wein vom Picknick haben wir noch. Hoch die Plastikbecher – auf einen schönen Tag.

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5 Gedanken zu „Atempause mit Pilze gucken

  1. wildganss

    Was für ein schöner Ausflug, was für eine stimmige Schilderung!
    Am Müritzsee- oder im- gibt es auch Maränen, die waren auch im Müritzeum erklärt und zu sehen…
    Einen Abschnitt werde ich meinem Freund, dem Limnologen, zukommen lassen, da wirst du sicher nichts dagegen haben!?

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  2. Mika

    Ich habe vor einer Weile deinen Blog entdeckt. Wohne ebenfalls in Berlin und warte darauf, dass sich Bauchbewohner auf den Weg macht (theoretisch gestern). Vom Stechlinsee habe ich gerade in diesem Fall viel gehört und wollte auch endlich mal hin. Wie kommt man denn in den Genuss von dem Rufbus? Hast du vielleicht eine Internetseite/ Telefonnummer? Liebe Grüße

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    1. Greta Autor

      Hallo Mika,

      Verbindungen nach Neu-Globsow unter bahn.de. Dort steht dann auch zum Rufbus: Tel. (03306) 2307 Anmeldung mind. 90 Min. vor Fahrtantritt., keine Fahrradbeförderung möglich. Viele Grüße und alles Gute mit dem Bauchbewohner (willst Du da ernsthaft noch wandern?)! Greta

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  3. Mika

    Hi, heute ET + 2, nein, wandern scheidet jetzt aus. Ich habe aber seit Wochen (oder Monaten?!) so viel Lust darauf, dass ich eifrig am Pläne schmieden bin für die Zeit danach irgendwann 🙂 Beste Grüße und danke für den Tipp. Ich bin so gespannt Neuglobsow endlich zu sehen. Brandenburg zieht mich immer wieder magisch an.

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