Geschichten aus dem Wald: Vom Wiederkommen und Wiederfinden

Dieselbe kleine Bahn wie vor einem Jahr, an diesem dritten Oktober mit Ausflüglern und ihren Fahrrädern überfüllt. Das nächste Mal bleiben wir lieber zu Hause! versichern einander eine alte Dame und ein junger Mann wieder und wieder – obwohl nicht recht zu erkennen ist, was ihnen fehlt. Sitzplätze haben sie jedenfalls. Derselbe Kleinbus, der uns ans Ziel bringt, diesmal fährt eine Frau, im letzten Jahr war es ihr Mann. Bereitwillig macht sie einen Umweg zum Kletterwald, um uns einen Flyer zu besorgen. Dasselbe Häuschen; die kleine Terasse davor haben die drei Birken wieder mit goldenen Blättern bestreut. Die Heizungen springen bereitwillig an, in den Töpfen unter der Spüle steht wie im Vorjahr eine Tropfwasserpfütze – als wären wir die letzten gewesen, die hier gekocht haben. Wir legen unsere Sachen in dieselben Schränke, hängen unsere Jacken an dieselben Haken; die Matratzen im Doppelstockbett der Kinder sträuben sich genau so sehr gegen die Spannlaken wie damals.

Und dann fühlt es sich an, als könnten wir unser Urlaubsleben genau da fortsetzen, wo wir es unterbrochen haben, als wir im letzten Jahr abgereist sind.

Die Kinder sind freilich größer geworden: Kein Mittagsschlaf mehr für den Vierjährigen, stattdessen ziehen sie Hand in Hand los, der Große, der sich noch an alles erinnert, macht den Kleinen mit dem Gelände vertraut. – Und die Frau da im Spiegel über dem Waschbecken hat mehr graue Haare bekommen. Lieber nicht nachzählen.

Wie schön das ist und wie gut das tut, all das wiederzufinden: Ein Häuschen, drei Birken, die kaputte Spüle, den Holzlöffel, den wir im letzten Jahr mit Blaubeeren verfärbt haben. Vielleicht, weil ich in all dem, was ich wiedererkenne, ein Stückchen von mir selbst wiederentdecke, die Zeit, die ich hier verbracht habe.

Eigentlich ist „zu Hause“ mehr als ein Ort, an dem wir dauerhaft wohnen. Sondern auch Menschen, zu denen Nähe und Vertrauen nicht verlorengegangen sind, wenn wir sie erst nach langer Zeit wiedersehen. Und Orte, an die wir wiederkommen dürfen. Die uns wiedererkennen.

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2 Gedanken zu „Geschichten aus dem Wald: Vom Wiederkommen und Wiederfinden

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