Geschichten aus dem Wald: Es war einmal

Wir ziehen los – wie jeden Vormittag in diesem Urlaub. Die Hosen in die Stiefel gestopft, die Arme mit Zeckenschutzmittel eingerieben. Im Gepäck zwei leere Tupperdosen und ein leeres Schraubglas und einen blauen Buddeleimer und drei Taschenmesser und einen Stoffbeutel. Über die Straße, ein paar Schritte den Waldweg entlang, da, wo die komischen Hexenpilze wachsen, die wir lieber nicht essen. In der Ferne kreuzen Rehe über den Weg. Und dann sind wir da. Blaubeeren – „groß wie Kürbisse“ – hängen an schon blattleeren Sträuchern. Preiselbeeren leuchten tiefrot im Moos.

Der Vierjährige ist begeistert. Oh! Preislis! Oh! Blaubis! Oh! Ich hab ein Marönchen! Die Marönchen und Sandpilze wachsen überall zwischen den Beeren. Inzwischen schaffe ich es, sie zu übersehen oder jedenfalls stehenzulassen; die Kinder schneiden schon genug ab, beinahe mehr, als wir essen können. Der Achtjährige hantiert gekonnt mit dem Schweizer Taschenmesser.

Beim Beerenpflücken kommen Kindheitserinnerungen hoch. Und andere: An die Geschichte von dem kleinen Mädchen, das zu faul war, um nach den Blaubeeren zu suchen, und daher sein Pflückeimerchen bei einem Zwerg gegen einen Zaubergesang eintauschte, mit dem sie die Beeren unter den Blättern hervorlocken konnte. Stammte die aus meinem Schullesebuch? Und wie ging das Gedicht noch mal: „Wo bin ich gewesen, nun rat einmal schön?“ So recht kriege ich beides nicht mehr zusammen.

Aber jetzt bin ich in Märchenstimmung geraten, und die setzt sich fest. Wie leicht wäre es, mich von den Beeren – eine immer schöner, größer und leuchtender als die andere – tiefer und tiefer in den Wald locken zu lassen; bis dorthin, wo sich – hinter einem unbedacht zerrissenen Spinnennetz vielleicht? – das Tor ins Land der Märchen öffnet; dorthin, wo im Moos Zwerge trippeln und die Hexe ihr Pfefferkuchendach winterfest macht; wo die Tiere reden und Wunder zu geschehen beginnen…

Aber wir verlieren uns nicht im Wald, wir bleiben in Sicht- und Hörweite der Spielhütte, die andere vor uns aus großen Ästen und kleinen Stämmen zusammengebastelt haben und bei der meine Söhne inzwischen ganz ohne Mühe – und ganz unüberhörbar – in ihr eigenes Märchenreich gelangt sind. Ein Schloss – ein König – ein Diener – Kanonen und Schwerter. Armeen werden geschlagen, Verluste betrauert (Oh! Einer unserer Ritter ist tot! Zum Glück der schlechteste. Da kommt der Krankenwagen, der fährt den jetzt fort!), Schätze erobert, Katastrophen abgewendet, Feuer gelöscht – und die Kutsche mit dem Mittagessen fährt vor.

Ich bin so sehr ins Zuhören vertieft, dass ich die dicke braune Kröte erst bemerke, als sie schon wieder unter ein Moospolster flüchtet. Ein verzauberter Prinz, ganz klar. Und ich habe ihn entwischen lassen! Was für ein Pech.

Am nächsten Tag, auf dem Heimweg von einem längeren Ausflug, liegen die Märchen immernoch in der Luft. Und dann erzählen wir: Vom Rumpelstilzchen (diese beeindruckende Geschichte von der übermenschlichen Kraft, die Wut einem verleihen kann und davon, dass sie benannt und gebannt werden muss) und von der klugen Bauerntochter (werden all diese Mädchen eigentlich jemals gefragt, ob sie einen dieser dummen oder goldgierigen Könige heiraten wollen?) und vom Schneewittchen (Oh weh! Ich fühle zunehmend mit der Stiefmutter, die sich so verzweifelt mit dem Älterwerden auseinandersetzen muss…). Der Achtjährige fällt bei jedem „Spieglein, Spieglein“ begeistert ein; der Vierjährige sitzt mit leuchtenden Augen im Bollerwagen.

Und dann machen wir im Ferienhäuschen einen großen, großen Topf mit süßem Brei. Und verlesen die Beeren fürs Kompott. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins – Halt! In den Biomüll. Bitte.

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3 Gedanken zu „Geschichten aus dem Wald: Es war einmal

    1. Greta Autor

      Ohhh, danke: Jetzt erinnere ich mich, dass es eine Schalmei war und kein Zaubergesang… Ja, diese Geschichte hat mich als Kind beschäftigt. Vielleicht weil wir auch immer mal in den Beeren waren.
      Liebe Grüße und noch weitere schöne Pilzsammelherbststunden! Greta

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  1. Pingback: Ich packe meinen Koffer… | gretaunddasleben

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