Szenen eines Wochenendes

Pünktlich mit dem Beginn der Heizperiode stellt sich mein Oktoberhusten ein. Jetzt muss ich sehen, wie ich den wieder loswerde. Frisch verlieben steht in diesem Herbst nicht auf dem Programm, dafür ist der Kalender zu voll. Plan B ist eine Vitamin-Spritzenkur, die meine geschäftstüchtige Gyn anpreist und die erfahrungsgemäß für punktgenau drei Monate alle Erkältungskrankheiten fernhält. (So ein Quatsch, sagt der Hausarzt, der einfacher zu erreichen wäre, was Sie an überschüssigen Vitaminen aufnehmen, geht direkt ins Klo!) Seis drum, auch wenn hier nur der Glaube hilft – er hilft. Darauf kommt es an.

Aber erst mal übers Wochenende kommen.

Den Einkauf macht der Achtjährige, der nach Selbständigkeit giert (Mamaaaa, wann darf ich endlich alleine mit der S-Bahn durch Berlin fahren? – Schluck. Ich sehe ihn vor mir, verzweifelt angesichts irgendeiner Unvorhergesehenheit, wie er durch einen düsteren, übelriechenden S-Bahnhof irrt und irgendwelchen krummen Typen auffällt, unfähig, sich zu schützen. Großwerden in Berlin ist schwer, Großwerdenlassen… beinahe unmöglich.) Aber den Wochenendeinkauf darf er machen, solange kann ich die Nase tief in den Inhaliertopf stecken. Als mein Sohn zurück ist, klingelt das Telefon. Die Patentante des Vierjährigen, die im Sommer in die Nähe von Köln verzogen ist, besucht Berlin – und braucht ein Nachtlager für sich und ihre beiden Töchter, weil der Familie, bei der sie heute unterschlüpfen wollte, ein Brechvirus dazwischengekommen ist. Husten findet sie weniger schlimm, also räumen wir ein bisschen auf und ziehen frische Laken auf die Gästematratzen.

Apfelkuchen wollten wir sowieso backen – die Nachbarn haben eine Kiste mit Falläpfeln aus dem Garten für alle in den Hausflur gestellt. Ehrfürchtig beobachten die Kinder, wie die angerührte Hefe unter der Mehlschicht hervorquillt und Bläschen bildet. Kann man das essen? fragt der Vierjährige verblüfft. Später kann ich die beiden nicht davon abhalten, alle überstehenden Teigränder vom Blech zu mopsen. Stattdessen sehe ich zu, dass ich auch was abkriege. Lecker!

Für die Gäste muss noch ein bisschen mehr eingekauft werden. Weinend kommt der Achtjährige am Nachmittag aus dem Laden zurück. Er hat den Euro nicht gefunden, mit dem er sich einen Einkaufswagen hätte losmachen können. Er musste deshalb mehrfach durch den Laden gehen und immer so viel zur Kasse tragen, wie er in der Hand halten konnte. Beim dritten Mal hatte er das Portemonnaie nicht mehr, in dem noch fast 30 Euro waren. Der Mann an der Kasse hat gleich eine Durchsage gemacht, erzählt mir mein verzweifelter Sohn, aber niemand hatte das Portemonnaie gefunden. Also gehen wir nochmal gemeinsam los, kaufen, was noch fehlt, fragen nochmal nach – aber das Geld bleibt verschwunden. (Manchmal fällt es schwer, seinen Mitmenschen nichts Böses zu wünschen. Du hast ein verlorenes Kinderportemonnaie einfach eingesteckt? Möge dir die Brieftasche mit sämtlichen Papieren geklaut werden. Der Autoschlüssel auf Nimmerwiedersehen in den tiefsten aller Gullies stürzen. Der Wohnungsschlüssel im Türschloss abbrechen, wenn du noch draußen stehst!)

Am Abend sitzen wir zu sechst um den Esstisch. Wiedersehen ist schön! Die neunjährige Tochter meiner Freundin erzählt von den zwei Jahren Englisch, die sie nachholen muss, weil in der nordrhein-westfälischen Grundschule schon in der ersten Klasse damit angefangen wird. Meine Augen werden groß und rund vor Staunen, als ihre Mutter erzählt, dass in Schule und Kita regelmäßig gebetet wird. Allet katholisch oder was? Darf das denn? Am Tischende sitzt ihre kleine Tochter, mein Patenkind, tieftraurig. Sie wird ihren Papa nicht sehen, dessen Schmerz über die Trennung anscheinend so groß war, dass er den Kontakt zu seiner vierjährigen Tochter komplett abgebrochen hat. Alles in Berlin erinnert die Kleine an ihn. Es zerreißt uns das Herz.

Nach dem Essen werde ich mit der Aufgabe konfrontiert, mich in das „Monster High“-Freundebuch der Neunjährigen einzutragen. Ach du meine Güte. Was in aller Welt finde ich „total cool“, ein „No Go“ oder „absolut gruselig“? Mogele mich um die Frage nach der „besten Internetseite“ mit einem „Keine, die Du sehen solltest“ herum und schreibe ihr als Ausgleich ein bisschen wirklich feine Musik auf.

Am Sonntagmorgen nach dem Frühstück sitzen alle vier Kinder einträchtig um meinen winzigen Küchentisch und basteln. Meine Jungs versuchen, alle mit Origami-Sternen zu beeindrucken, die große Tochter meiner Freundin  hat sich ein Buch mit Faltvorlagen für Tiere geschnappt, ihre kleine Schwester klebt Schnipsel in zwei verschiedenen Rosa-Tönen (Ich wusste garnicht, dass ich rosa Papier im Haus habe) auf ein weißes Blatt. Für Oma!

Am Nachmittag – der Achtjährige ist mit seiner Berliner Patentante unterwegs, die große Tochter meiner Freundin zu ihrem Papa verschwunden – fahren wir mit den beiden Kleinen ins FEZ. Während ich das eine oder andere Hustenbonbon einwerfe, bestaunen wir die Erdmännchen, die sich ordentlich Winterspeck angefuttert haben, kraulen ein lockiges Schaf und versuchen, drei Schildkröten, die mit nach oben gestrecktem Kopf und in alle vier Himmelsrichtungen gereckten Beinen anscheinend hochkonzentriert eine Yoga-Stellung halten, dabei zu erwischen, wie sie sich doch bewegen. Ponyreiten gibt es auch, zwei Euro die große Zwei-Minuten-Runde auf der Koppel. Von einer kleinen Plattform in Pferderückenhöhe aus hebt ein Angestellter routiniert ein Kind vom Pferd und setzt das nächste in den Sattel. Geführt von einem weiteren Angestellten und begleitet von einem dritten, der das Kind im Notfall auffangen oder unter den Hufen vorholen könnte, zockelt das große Tier wieder los, matt und ergeben (wie die Männer neben ihm). Beide Kinder wollen, und ob! Zweimal!

Am Abend sind unsere Gäste zu anderen Freunden weitergezogen. Nur noch die Patentante des Achtjährigen ist da und nimmt mir das Vorlesen und Singen ab, mehr als heiseres Gekrächz bringe ich ja eh nicht heraus.

Dann bin ich mit meinen schlafenden Kindern allein. Auf meinem Schreibtisch haben sich eine Plastik-Säge, mein bekleckertes Thüringer Backbuch, ein vergessenes Überraschungsei und ein gefaltetes Känguru mit Baby im Beutel versammelt. Leere Teetassen, wohin das Auge blickt. Im Bad ist ein Fernsteuerauto vor die Wand gefahren, der Küchentisch steht knöcheltief in rosa Papierschnipseln. Kaffeesatz und Salatreste haben unter einem enormen Stapel Geschirr in der Spüle zu gären begonnen. Im Inhaliertopf kleben Götterspeisereste.

Ich mag Besuch.

Und Chaos auch… ein bisschen.

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3 Gedanken zu „Szenen eines Wochenendes

  1. wildganss

    Gute Idee, das mit der Fallapfelkiste zum Zugreifen!
    Könnte man vielleicht auch mit Büchern machen…
    Habe heute auch einen überaus saftigen Fallobstapfelkuchen von meiner Freundin kredenzt bekommen…

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    1. Greta Autor

      Och, lecker! Meiner war ein Thüringer Apfelkuchen, beim Backen bin ich sehr thüringerisch geblieben… Und heute war der Rest vor lauter Wärme verschimmelt, grrrr. Ein Fallbücherregal gibts auf meiner Arbeit, das ist Klasse! Literatur mit Widmung an einen der Chefs auf der ersten Seite hab ich da schon gefunden…

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