Das Balkongartentagebuch: Japanisch für Anfänger

Junge Erdbeerpflänzchen haben sich wie Kuckuckskinder in fremde Töpfe abgesenkt. Zwischen den Lilien ist eine kleine Paprikapflanze gewachsen – ganz von selbst. Oder vielleicht doch nicht ganz von selbst: Der Verdacht fällt auf das beim Gemüsewaschen gesammelte Gießwasser. Da steht sie und verspottet meine gescheiterten Versuche, aus teurem Qualitätssamen mit Keimkraftgarantie auch nur eine einzige Paprikapflanze zu ziehen! Das Grasbüschel daneben hätte ich vor drei Monaten noch rausrupfen können. Jetzt hilft nur noch umtopfen.

Der warme Oktobertag ist wie geschaffen für ein paar Stunden auf dem Balkon. Aber vorher muss ich Erde schleppen. Zwanzig Liter kosten im Blumenladen meines Vertrauens inzwischen fast vier Euro. Muss das eigentlich sein? Kann ich meine alte Blumenerde nicht irgendwie weiterverwenden?

Ich bin anscheinend nicht die einzige, die sich das fragt. Google liefert jedenfalls auf Anfragen wie „Kompostieren auf dem Balkon“ und „Mini-Komposter“ jede Menge Ergebnisse. Ich finde detaillierte Beschreibungen zum Selbstbau von „Wurmkisten“ – mit Fotos, die mich ganz blass werden lassen („Immer schön Deckel zu“, schreibt einer zu seinen Mistwurmfotos, „die Kleinen gehen gern auf Wanderschaft“). Och nöö. Bliebe noch die Möglichkeit, mich der Bokashi-Bewegung anzuschließen und geheimnisvolle Mikroorganismen im geschlossenen Eimer Humus herstellen zu lassen. Aus allem was bei Tisch so abfällt, igitti, so weit hatte ich garnicht gedacht. Die Flüssigkeit, die man regelmäßig aus dem kleinen Hahn unten am Bokashi-Eimerchen ablässt, wird im Produktvideo als Abflussreiniger (!) und Blumendünger gepriesen. Wie praktisch. Und ich könnte endlich mitreden in Sachen japanische Trends: Hast Du schon mein neues Myboshi bewundert? Nee, aber magst Du mal an meinem neuen Bokashi riechen?

Gebe den Gedanken an größere Balkonkompostierungsprojekte wieder auf. Setze die Lilien um, leuchtendweiße Zwiebeln, die sich brav geteilt haben. Pflanze die ausgewilderten Erdbeeren in eine Überwinterungskiste. Sammle ein bisschen alte Erde in einem großen Topf, ein paar Pflanzenreste, ein paar Blätter.

Dann ein Kaffee. Surreales Abendlicht aus rosa Wolken auf gelbe Bäume. Schön.

Am nächsten Tag erwische ich mich dabei, wie ich den Kaffeesatz aus meiner Tasse zusammen mit einem Birnengriebsch und einem alten Teebeutel in den Topf zu der alten Erde schütte. Wer sagt denn, dass sich das Gemenge da drin nicht vielleicht ganz von selbst in frische, fruchtbare Blumenerde verwandelt? Wenn ich ganz, ganz fest dran glaube?

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8 Gedanken zu „Das Balkongartentagebuch: Japanisch für Anfänger

    1. Greta Autor

      Ja, das war wunderschön! Mehr davon!
      Tja, und was mein Experiment angeht… bevor das ernsthaft schlecht zu riechen beginnt, friert es wahrscheinlich ein. Es kann also nichts schlimmes passieren…

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  1. Susanne Haun

    Liebe Greta,
    das Problem Erde und hochschleppen kenne ich auch … gerade nun, wo ich so hoch im Himmel wohne…
    Bin gespannt, ob es klappt….
    Eure Marmelade, die du mir mitgebracht hast, schmeckt lecker…. ich esse sie am liebsten auf meinem Quark….
    LG Susanne

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    1. Greta Autor

      Oh, danke für den Link! Das klingt ja nur halb so schrecklich wie die Anleitungen, auf die ich gestoßen bin. Kann mich zwar immer noch nicht so recht mit dem Gedanken anfreunden, soooo viele Mitbewohner zu haben, aber… man weiß ja nie…

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  2. Pingback: Das Balkongartentagebuch: Ausweitung der Anbauzone | gretaunddasleben

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