Lesen und Lesen lassen

Mittwochs, wenn meine Jungs von ihrem Papa zu mir wechseln, müssen wir immer die Schulsachen des Achtjährigen gründlich durchsehen. Was ist in dieser Woche „verschlumpert gegangen“ (so nennt es der Vierjährige)? Lineal, Radiergummi, Klebestift, Mütze, Fleecejacke  – oder nur der unwichtige rosa Buntstift, den mein Sohn eh nicht so oft braucht? Welche Test stehen an? Müssen wir englische Vokabeln üben oder Rechtschreibung? Und: Was müssen wir für die Leseförderungsprojekte machen? Die dritte Klasse meines Achtjährigen steht nämlich gerade ganz im Zeichen der Leseförderung.

Vorab und um Missverständnisse garnicht erst entstehen zu lassen: Ich bin für Leseförderung. Absolut und täglich!

Ich habe die allerbesten Vorsätze, das wöchentliche Lesefrühstück der dritten Klasse demnächst (naja: sobald ich mal Zeit habe, mich in der Liste einzutragen) mit selbstgebackenen Muffins (und der Zutatenliste – wegen der Allergiegefahr) zu beliefern.

Ich freue mich mit dem Achtjährigen, als er die weiße „Leseratte“ aus Plüsch anschleppt, die jede Woche unter denjenigen Kindern seiner Klasse ausgewürfelt wird, die glaubhaft behaupten, zu Hause in der vergangenen Woche ein Buch gelesen zu haben.

Ich setze mich mit dem Achtjährigen hin und lasse mir vortragen, wie er sein Ferienbuch in der Klasse vorstellen will.

Und ich erinnere ihn daran, das Buch – wenn er es nun schon mal gelesen hat – bei Antolin zu suchen und sich dafür seine Quizpunkte zu holen. Dass er dafür alleine an mein Laptop darf, ist ein Anreiz, dem er nicht widerstehen kann. Danach ermutige ich meinen Sohn, auch die Quizfragen zu unserem letzten Vorlesebuch (der Bullerbü-Gesamtband) zu beantworten. Frage mich dabei im Stillen, ob es sich lohnen könnte, gleich noch die Einzelbände zu bearbeiten, um doppelt Punkte abzugreifen – schließlich hofft die Lehrerin, dass eines der Kinder aus ihrer dritten Klasse eines Tages den Antolin-Punkterekord brechen wird – oder ob das möglicherweise schlechter Stil ist. Aber der Achtjährige hat eh keine Lust mehr.

Als ich später einen Blick ins Hausaufgabenheft werfe, springt mir der Eintrag „Lesefest“ entgegen, stellt sich aber bei genauerem Hinschauen als angekündigter „Lesetest“ heraus. Okay…

Und dann findet mein Sohn in der Schulmappe noch einen zweiseitigen Text zum Thema Halloween. Wofür ist denn der? Für den Lesetest? Für das Lesefrühstück? Oder für das Lesebuddy-Projekt, bei dem mein Sohn und seine Klassenkameraden demnächst jüngeren Schülern vorlesen sollen? Irgendwie habe ich total den Überblick verloren. Ich weiß auch nicht, sagt der Achtjährige kläglich, aber ich glaube, ich soll den üben. Na dann machen wir das mal.

Später, als ich den Kindern ein ganzes, langes Michel-aus-Lönneberga-Kapital vorgelesen habe, die „Noch eins!“ Rufe verhallt sind und sie friedlich in ihren Betten liegen, würde ich mich eigentlich ganz gerne mit einem Buch auf dem Sofa zusammenrollen.

Aber bevor es so weit kommt, schlafe ich ein. Über dem Elternbrief… in dem die neuesten Leseförderungsprojekte vorgestellt werden.

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10 Gedanken zu „Lesen und Lesen lassen

  1. Xeniana

    Es ist wirklich erschreckend, wie das Lesen an sich von einigen Kindern kaum noch gekannt wird. Im Zeitalter der neuen Medien, halte ich tatsächlich jede Leseförderung für notwendig. Meine Kinder lieben zum Beispiel den Lesewettbewerb. Ich erinnere mich noch gut wie Anna es mit der „Geheimnissvollen Minusch „es bis fast in die städtische Endrunde schaffte und nun doch nur Comics liest.

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    1. Greta Autor

      Tja – was hilft wirklich, um aus Kindern begeisterte Leser zu machen? Das weiß ich nicht. Mein großer Sohn liest extrem selten etwas von selber – da kann ich nur hoffen, dass das noch kommt. Und bin ziemlich froh, dass seine Lehrerin das so ernst nimmt. Auch wenn sie uns damit ganz schön ins Schwitzen bringt…

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    2. Karen

      Ich glaube, es würde schon helfen, wenn niemand mehr zwischen „gutem“ und „schlechtem“ Lesen unterscheiden würde. Wieso „nur Comics“?! Wenn jemand gern Comics liest, dann ist das doch besser, als gar nichts zu lesen, oder?

      (Ich las neulich einen Artikel dazu, wie finnische Kinder zum Lesen motiviert werden – http://finnland-institut.de/cool/blog/leseland-finnland/ – und gerade dieses „Jedwedes Lesen ist gut, nicht jeder muss gleich einen Roman lesen“ hat mich heftig kopfnicken lassen.)

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      1. Karen

        Das verstehe ich ja. Geht mir genauso. Ich denke nur, dass man mit zu ambitionierter Leseförderung oft das Gegenteil erreicht – zumindest bei den Kindern, die eben nicht gern lesen. Die anderen tuns ja sowieso.

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      2. Greta Autor

        Manche der Buchreihen, die viele Drittklässler gern lesen, mag ich garnicht. „Drache Kokosnuss“ und „Baumhaus“ sind so Reihen, die unendlich erweiterbar sind und jedes Thema behandeln, für das Kinder sich interessieren – aber bei denen mir trotzdem was fehlt. Witz und Poesie? Allerdings finden meine Kinder manche „Klassiker“ (Mary Poppins, Paddington Bear) auch doof – und meistens gebe ich ihnen dann Recht. Manches veraltet tatsächlich.

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  2. guinness44

    Ich finde beim Lesen in der Grundschule merkt man riesige Unterschiede zwischen Jungs und Mädchen. Wenn ich mir anschaue, was meine Tochter und ihre Freundinnen freiwillig gelesen haben und das vergleiche mit dem mühsamen Zwang/Anreize setzen bei meinem Sohn und seinen Freunden, dann ist der Unterschied gewaltig. Wir müssen hier jeden Tag den Lesefortschritt quittieren.

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    1. Greta Autor

      So, heute eindlich ein wenig Zeit, um Kommentare zu beantworten. – Ja, das finde ich auch ganz schade – die Mädchen in der Klasse meines Sohnes lesen zum Teil richtig gerne und viel, und das schon lange. Und mein Sohn liest fast garnicht alleine, nur wenn er für die Schule muss. Ich hoffe so sehr, dass er das Lesen zum Vergnügen noch entdeckt… Woran liegt das bloß?

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