Gesehen, gelesen, gehört… im Oktober

Die schönste Berlin-Postkarte der letzten Zeit ist eindeutig die mit dem Spruch „I like Ersatzverkehr“. Schade, dass ich die nicht schon im Sommer entdeckt habe, als es wirklich welchen gab. Aber der Winter mit seinen Zugschäden steht ja vor der Tür. Das Motiv würde sich auch als Ansteckbutton gut machen. Man könnte die Karte auch jedem verkauften Jahresabo der Berliner Verkehrsbetriebe als kleine Aufmerksamkeit beilegen… Ach ja: nicht vergessen – die Karte stammt aus der wunderbaren Berlinfoto-Serie von Tom Bäcker.

Mehr von Valerie Wilson Wesley: Auch „Vier Frauen“ ist kein Krimi, sondern ein, hm, vielleicht: Lebensmitte-Entwicklungsroman. Der Protagonist kann sich nicht recht zwischen drei Frauen entscheiden (wer die vierte aus dem Titel ist, bleibt offen für Spekulationen) – nein, eigentlich möchte er sie am liebsten alle behalten. Man ahnt von Anfang an ein wenig, für welche er sich – gereift und etwas weiser – am Ende entscheiden wird, und mir ist das ein bisschen zu glatt, um wirklich überzeugend zu sein. Aber wie die Autorin ihre Figuren liebevoll beschreibt und an ihren Kümmernissen wachsen lässt – das mag ich.

Joan Didions Buch „Das Jahr magischen Denkens“ ist das bewegendste Buch über Trauer, das ich kenne. Ganz genau beschreibt sie ihre Gefühle in dem Jahr nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes, in dem sie gleichzeitig um ihre schwer erkrankte Tochter bangen muss. Auf der Suche nach Urlaubslektüre bin ich auf ein weiteres Buch dieser Autorin gestoßen. In „Blaue Stunden“ erzählt Joan Didion von ihrer Trauer um ihre dann ebenfalls verstorbene Tochter und von der Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Altern, mit der Angst vor ihrem eigenen Tod und dem Verlorengehen all der Erinnerungen, mit denen sie lebt. Auch in diesem Buch bin ich wieder berührt von Joan Didions klarer und schlichter Art, Gedanken, Gefühle und Erinnerungen darzustellen; ihre Leser an ihnen teilhaben zu lassen. Verstörende Lektüre.

Auf der Suche nach Zeichenbüchern für meine Kinder habe ich mich an eines erinnert, das ich selbst als Kind gern und oft angeschaut habe. Antiquarisch ist das Buch anscheinend nicht erhältlich, einer Wiederauflage von ostdeutschen Kinderbüchern wahrscheinlich nicht zugänglich, weil auch die deutsche Ausgabe damals in einem Budapester Verlag erschienen ist. Aber im Regal meiner Schwester habe ich es wiedergefunden. „Der Bleistift erzählt“ von Pál Korcsmáros hat jetzt auch meinen Kindern gefallen. Dabei sind die kleinen Geschichten, die thematisch zu bestimmten Zeichenmotiven (Pflanzen, Tiere, Häuser, Menschen usw.) passen, schon ziemlich sozialistisch: Der Zauberer geht in den Ruhestand, weil ihn die menschengemachten Zauberdinge wie Eisenbahnen und Flugzeuge zu sehr einschüchtern; die Geschenke des Riesen werden am Ende abgelehnt (Aber immerhin kommen Zauberer und Riesen vor!), und durch fleißige Arbeit kann eigentlich alles erreicht werden. Die Bilder, die ich als Kind so gerne betrachtet habe, haben ihre Ausdrucksstärke aber nicht verloren – und die Geschichten – nun ja: vielleicht habe ich sie mit ihrem Zukunftsoptimismus auch selber damals schon als eine Art Märchen gelesen. So wie meine Kinder jetzt.

Mein neustes schönes Leseerlebnis stammt von Anne Fadiman und heißt „Ex Libris“. Mit ihren kleinen Aufsätzen über Bücher – das Leben mit Büchern, das Sammeln von Büchern, das Lesen, die Freude an unbekannten Wörtern, das Verheiraten zweier Bibliotheken – habe ich eine lange, lange Fahrt durch Berlin – mitsamt diversen „Folgeverspätungen wegen eines Polizeieinsatzes“ – in lächelnder Entrückung verbracht. Eine späte, dem Schlaf abgetrotzte Stunde unter der Bettdecke. Und noch eine kleine Fahrt zur Arbeit, wieder lächelnd, wieder in anderen Welten. Mein Lieblingsessay ist der, in dem Anne Fadiman über den Umgang mit Büchern schreibt – den ritterlichen, der nur das bedachte Blättern erlaubt, und den mehr „leiblichen“, bei dem das Lesen Spuren hinterlassen darf – und dem die Autorin genausosehr anhängt wie ich. Meine bittere Enttäuschung darüber, nicht mein an einen geliebten Freund verliehenes Exemplar eines Buches zurückzubekommen, sondern ein nagelneues, ohne Spuren meiner eigenen oder seiner Lektüre – Anne Fadiman hätte sie verstanden. Es gibt Bücher, die ich selber gerne geschrieben hätte. Dieses ist eins davon.

Es weihnachtet schon, ein ganz kleines bisschen! Schuld ist die Schachtel, die wir zum Adventskalender für Lehrerin und Erzieherin des Achtjährigen beitragen müssen. Ob da ein paar schöne Sterne reinpassen? „Origami. 21 Sterne“ von Carmen Sprung liegt schon eine Weile im Regal, und jetzt holen wir es endlich vor. Nein, Origami ist nicht mein Hobby. Aber Sterne! Sterne müssen sein, und die in diesem Buch sind wunderschön. Diejenigen, die nur ein einziges Schwierigkeits-Sternchen haben, kann sogar der Vierjährige schon mit ein bisschen Hilfe. Alter Falter, so stolz waren meine Kinder lange nicht mehr auf was Selbstgebasteltes…

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2 Gedanken zu „Gesehen, gelesen, gehört… im Oktober

  1. Susanne Haun

    Guten Morgen, Greta,
    eine Freundin brachte mir zum Einzug eine Karte mit einem Spruch von Lil Dagover (Schauspielerin) „Eine Frau wird manches übersehen, aber alles überblicken.“
    Das hat mir gut gefallen.
    Sind deine Kinder schon alt genug für das Buch von Betty Ewards „Garantiert zeichnen lernen“?
    Der Titel ist wirklich nicht gut aber das Buch ist es.
    Ich wünsche dir ein schönes WE,
    liebe Grüße von Susanne

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    1. Greta Autor

      Guten Morgen Susanne, danke für den Buchtip! Ich werde mir mal anschauen, ob das schon etwas für die beiden sein könnte. Sie zeichnen von selber garnicht – bisher kommt das Buch mit Zeichenvorlagen für Traktoren und Baufahrzeuge bei ihnen am besten an… Und der Postkartenspruch ist sehr schön! Schönes Wochenende auch für Dich! Liebe Grüße Greta

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