Von Halloween nach November

An Halloween gewinnt der Sieger des Kürbisschnitzwettbewerbes im Betriebsrestaurant ein Gratisessen.

Auf dem Schulhofspielplatz toben Hexen in zipfeligen Röckchen. Die spitzen Hüte haben sie auf ihren schweren Schultaschen abgelegt. Ein kleiner Junge, einen grimmigen Totenschädel aufs Gesicht geschminkt, geht an der Hand seiner Mutter nach Hause. Später klingeln sie bei uns, kleine Mädchen aus dem Haus, die Mütter müssen beim Aufsagen des Sprüchleins helfen, die verkleideten Hexlein greifen mit beiden Händen in die Schale, die ich ihnen hinhalte. Die großen Taschen, in denen sie die gesammelten Süßigkeiten horten, sind schon halb voll. Nicht so viel, mahnen die Mütter.

Die Kürbisfratze auf unserem Balkon – ein Gesicht vom Achtjährigen ausgeschnitzt, das andere von mir nach den aufgemalten Vorstellungen des Vierjährigen geschnitten – beginnt, von Tag zu Tag ein wenig in sich zusammenzusinken. Am Morgen glitzert Frost auf den Gräsern am Kanal. Über Nacht hat er die Farben weggenommen, die Blätter unter unseren Füßen grau werden lassen. November.

Im Büro husten Kollegen und Kolleginnen, die (wem eigentlich?) beweisen, dass sie auch mit akuter Bronchitis noch unersetzlich – und leistungsfähig und einsatzbereit – sind. Hoffe inbrünstig, dass ich mich nicht anstecke, ich falle dann nämlich aus. Wann ist endlich mein erster Vitaminkurtermin? Der Vierjährigen hustet schon, Schwimmkurs vorbeugend gestrichen, er soll bittebitte gesund bleiben.

Dieser ewige Konflikt in der kalten Jahreszeit: Zwischen meiner Arbeit, auf der es keine echte Vertretungsregelung gibt, und meinen Kindern, für die ich immernoch niemanden habe, der mal eben im Krankheitsfall einspringt. Und meinem eigenen Körper, der mir zu signalisieren versucht, dass ich im Grunde immer mal eine Auszeit brauche. Immer wieder Improvisieren von Tag zu Tag, faule Kompromisse, schlechtes Gewissen nach allen Seiten. Und teure Vitaminpräparate.

Die Werbeplakate, die gerade auf allen S-Bahnhöfen hängen – ein dümmlich blickender Mann, der eine erkältete Version seiner selbst in der Mülltonne entsorgt und uns suggerieren will, dass Krankheiten nie mehr ein Problem sein müssen – machen mich zornig wie Rumpelstilzchen. Gleich neben dem dort beworbenen Zeugs präsentiert die Apotheke eine „Vitalstoffmischung Burn-Out“. Na prima, haben wie dieses Problem auch gleich noch gelöst. Ja, lasst uns alle viele bunte Pillen schlucken. Ein paar, damit wir die Grippe nicht spüren. Und ein paar, damit wir die Müdigkeit nicht spüren. Und ein paar, damit wir den Schmerz nicht mehr spüren. Hurra! (Wir können alles schaffen, wir müssen nur wolln – wer sang das doch gleich?)

Erfreuliche Nachrichten: Wir haben das Portemonnaie wiederbekommen, das der Achtjährige im Laden verloren hat. Wie schön! Wir haben dicke Ballons mit Transparentpapier und Fischgesichtern beklebt – wenn ich es wage, die Ballons anzustechen, werden daraus vielleicht großartige Laternen (der Dank für die Idee geht an Frau Weh!) für den Martinsumzug. Oder es fliegen uns mehrere Quadratmeter buntes Papier spektakulär um die Ohren.

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3 Gedanken zu „Von Halloween nach November

  1. Anne

    Die, die alles schaffen können, sind die tollen, dressierten Affen, nicht vergessen :-). Ich kenne das Dilemma mit drei kleinen Kindern (aber nicht allein erziehend). Aus lauter Angst vor den saisonal noch anstehenden Erkrankungen der Kinder traut man sich selbst gar nicht mehr, „krank zu sein“. Obwohl mein Arbeitgeber da sehr anständig ist. Leider ist man aber in der Zeit, wo die Kinder klein sind, auch am meisten und hartnäckigsten krank mit diesen fiesen Kindergartenviren und unter der andauernden Belastung. Sei mutig und frage dich, wer dir das am Ende dankt, dass du dich aufreibst (und über die dressierten Affen im Büro muss man gekonnt hinwegschauen)…

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    1. Greta Autor

      Liebe Anne, danke für die Ermutigung! Zum Glück bin ich im Büro nicht die einzige Mutter und nicht die einzige, die auch zu Hause zu bleiben versucht, wenn es ihr schlecht geht. Und einen Teil der Kinderkrankentage übernimmt der Vater meiner beiden – vielleicht mehr als so mancher nicht getrennte Papa. Und trotz dieser gar nicht so schlechten Bedingungen entsteht immer noch jede Menge Druck, sobald der Alltag wegen einer läppischen Erkältung nicht mehr reibungslos läuft… Du weißt es ja selber, mit Deinen Dreien.
      Diesem hohen Anspruch, alles schaffen und immer funktionieren zu müssen, versuche ich mich schon zu entziehen. Karriereförderlich ist das freilich nicht – und wenn dann noch so eine oberblöde Werbekampagne daherkommt, macht mich das echt fertig. Also, bleibt schön gesund! 😉 Liebe Grüße Greta

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