Allein reisen

Ich reise gerne allein.

Berlin-Südkreuz ist mein Abfahrtsbahnhof, grauer Beton, rote Fahrkartenautomaten, gelbe Abfahrtspläne. Mein Lieblingsbüchergrabbeltisch. Ich komme nie weniger als 15 Minuten zu früh am Bahnhof an, nie ohne etwas Platz in der Tasche. Auch heute verdoppelt sich die Zahl der Bücher, die ich dabeihabe, quasi im Vorbeigehen.

Der Lecrobag-Verkäufer spricht mit einem sehr überzeugenden französischen Akzent und erklärt mir, dass die Ficelle „Fisell“ ausgesprochen wird und dass dieses Wort „Schnur“ bedeutet. Dazu noch ein Kaffee.

Die Wagenreihenfolge, die hier fast nie dem Plan entspricht (panisches Am-Zug-Entlangflitzen mit zwei Kindern und zahlreichen Gepäckstücken gehört zum Reisen in Familie ebenso dazu wie verschlossene Zugtoiletten), ist mir heute egal, mein Zug ist pünktlich, und er ist halbleer. Wie schön ist das – meine Beine ausstrecken zu können, tief durchzuatmen, ohne den Geruch verschwitzter Mitreisender in die Nase zu bekommen, meine Gedanken laufen zu lassen.

Lauschen: Das Zischen, mit dem eine Wasserflasche geöffnet wird. Die Knistergeräusche, mit denen er – rechts vor mir – im Sportteil einer Boulevardzeitung und sie – neben ihm – in der „Psychologie heute“ blättert. Das Resonanzbrummen irgendwelcher Zugbauteile. Das Klicken, mit dem der Junge auf der anderen Seite des Ganges ein Handyfoto von den Feldern macht, an denen wir vorbeifahren. Stimmengemurmel. Ein tiefer Seufzer rechts hinter mir über einem Kreuzworträtsel.

Schauen: Erstaunlich grün sind die Felder, ist das Wintergetreide? Mannshohe Kiefern und Birken auf alten Gleisanlagen. Fabrikruinen. Spuren eines Landes, das es nicht mehr gibt. Eine Wolkenherde wird – erstaunlich tief – von der Sonne über die Felder getrieben. Werden sie landen und auf den Wiesen weiden? Windparks, in denen mein Ökoherz viel zu viele Räder stillstehen sieht. Stromsterne nannte mein Achtjähriger die Turbinen, als er kleiner war.

Ich lege meine Wange an den warmen Kaffeebecher, freue mich auf „Leichtfertige Essays“ von Anne Fadiman, die ich schon für ihre wunderbare Einleitung liebe. Ich möchte den ganzen Tag nichts anderes tun als hier zu sitzen – lesen, schauen, lauschen, denken – in meinem Kopf ebensoweite Strecken zurücklegen wie der Zug, in dem ich sitze. Allein. Herrlich!

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3 Gedanken zu „Allein reisen

    1. Greta Autor

      Und Dir auch, liebe Susanne! Habe gerade Deine letzten Blogs angesehen und muss gleich in Richtung Arbeit aufbrechen… Spannend, Euer Double-Bind-Projekt, die gemeinsamen Blätter gefallen mir sehr! Meine Reise – später gemeinsam mit meiner Schwester – führte zu einem sehr speziellen Wochenende mit Fußreflexzonenmassagekurs… Weiß noch nicht recht, wie darüber schreiben. Viele Grüße! Greta

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