Fußmassagen in der Ferne und Umziehen zu Hause

Eigentlich wollte ich noch einen zweiten Text über meine Reise schreiben. Darüber, dass es nur am Anfang eine Reise allein war und am Ende eine gemeinsame mit meiner ganz großen Schwester. Über die Landkarten, die uns die Mitreisenden – in deren oberpfälzer Dialekt wir uns mit der Zeit und viel Konzentration einhörten – an die Wand der Regionalbahn malten, um unseren Zug irgendwo in der Finsternis zwischen Hof, Regensburg und Cham zu verorten und über das alte, mächtige Klostergebäude, an dem wir irgendwann ankamen. Über Schwester Jubilata, die betagte, energische Nonne mit den heilenden Händen, zu der die Menschen aus der Umgebung kommen, wenn die Ärzte ihnen nicht helfen können; über ihre Heilungsgeschichten: Taubheit, Magenverschluss, steife Gelenke – nichts, was Schwester Jubilata nicht mit Fußreflexzonenmassage heilen könnte. Diagnose erst mal nicht so wichtig – „wos wehtut, da putzet mers halt“, so die resolute alte Dame. Über die zwei Tage, an denen sie uns die Grundlagen der Fußreflexzonenmassage beizubringen versuchte; über die schrecklichen Sekunden, in denen sie meiner Schwester den Fersensporn – der sie seit etlichen Jahren geplagt hat – mit dem „Stöckle“ zerdrückte. Erforgreich, anscheinend. Über die Vorträge, in denen die Nonne Aspartam, vorgeburtlichen Ultraschall und Fremdbetreuung von Kindern unter drei Jahren zu den großen Übeln der modernen Welt erklärte. Darüber, dass ich gar zu vehement vertretenen Heilslehren misstraue und so viel lieber Menschen glaube, die die Möglichkeit ihrer eigenen Fehlbarkeit, ihres Misserfolges, nicht ausschließen – und auch die Wahrheit ihres Gegenübers zu hören bereit sind. Darüber, dass sie mich trotz allem mächtig beeindruckt hat, Schwester Jubilata: Die ihr großes Heilungswissen gegen kleines Entgelt vielen weitergibt; die uns am Ende des Kurses mit bewegenden Worten aufforderte, das Gelernte weiterzugeben und anderen Menschen Berührung und Heilung zu schenken. Schwester Jubilata: Eine von 60 alten Nonnen, die nach langen Jahren der Missionstätigkeit in Afrika jetzt in das Haus zurückgekehrt sind, in dem sie einst ausgebildet worden sind, die alt werden und sterben werden, für deren Orden es keinen Nachwuchs gibt. Darüber, dass mich das traurig macht. Dass sie – dass ihr Klosterleben, ihre Kurse, ihr Begegnungshaus, ihre Erfahrungen, ihre Ansichten – der Welt fehlen werden.

Jetzt ist das alles schon wieder beinahe zwei Wochen her.

Das nächste ereignisreiche Wochenende steht vor der Tür. Einmal zu oft habe ich davon erzählt, wie gern ich mein großes Zimmer mal streichen würde. Jetzt haben sich Helfer angesagt und ich kann keinen Rückzieher mehr machen. Irgendwo in dem Chaos aus Farbeimern, den ersten unauffällig kindersicher weggestellten Weihnachtsgeschenken, vorbereiteten Friedhofsgestecken und den letzten von den Nachbarn vorbeigebrachten Gartenäpfeln müssen heute meine Renovierungsgäste untergebracht werden. Mitten in dem Chaos aus halb gepackten Kisten und halbvollen Regalen (nein, die sind schon halbleer, mindestens!, quatscht die innere Optimistin dazwischen) mit hinter Buchreihen auftauchenden Staubschichten, aus denen man glatt Filzpantoffeln nähen könnte, sehne ich adventlich geschmückte Ordnung herbei, von der ich nicht weiß, ob sie sich nach dieser Aktion in diesem Jahr überhaupt einstellen wird.

Die sonnengelbe und die ockerfarbene Abtönpaste, mit denen ich die weiße Wandfarbe in etwas verwandeln möchte, mit dem ich eine dauerhafte Illusion von Sonnenschein an meine Nordzimmerwand zaubern kann, haben sich inzwischen darauf geeinigt, beide nur noch nach Senf auszusehen.

Tröste mich mit einem alten Sprüchlein aus dem kleinen Sprichwörterbuch, dass ich mir als Kind manchmal heimlich mit ins Bett genommen habe: Wird schon wer´n, sprach Mutter Bern. Bei Mutter Born isses auch was wor´n. (Und bei Mutter Langen isses auch gegangen.)

Also pack ich mal weiter meinen Kram zusammen.

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