Mehr Gelb

Meine Schwester, die vom Wändestreichen Sehnenscheidenentzünding kriegt. Meine Freundin, die vom Geruch der Farbe Migräne bekommt. Ein Freund, für ein paar Stunden aus einem Paralleluniversum ausgeliehen, in dem er vielleicht Steine auf dem Herzen trägt, von denen wir nichts ahnen. Und ich und ein paar Eimer Farbe und ein halbleeres Zimmer.

Das klingt wie die Konstellation eines Feel-Good-Movies von den Machern von „Zusammen ist man weniger allein“, und so etwas ähnliches kommt auch zu Stande: Auszeit. Wohltuender Abstand vom Alltag, für uns alle. Ein Wochenende, an dem wir reden und lachen und arbeiten, an dem ich bekocht und verwöhnt werde und nicht viel mehr zu tun habe, als ein paar Entscheidungen zu treffen (Für mich eine Pizza mit Artischocken! Der Farbton ist zwar schon sehr schön… aber ich mache jetzt einfach trotzdem noch ein bisschen mehr Gelb in die weiße Farbe… und noch ein bisschen… Uuuuuups… ). Und rings um mein nirgendwo ganz gerades Zimmer oben unter der Decke eine waagerechte Linie abzukleben, bis zu der die schöne gelbe – nein: „vanillecreme“ würde ich den Ton nennen – Farbe gestrichen werden soll.

Als wir wieder einräumen, müssen wir unter die Möbelbeine ein halbes Dutzend mehr kleine Holzscheibchen legen, als wir beim Ausräumen vom Boden geklaubt, exakt beschriftet oder gleich an die Beine der betroffenen Regale und Schränke angeklebt haben – auch die Dielen haben sich anscheinend eine Auszeit vom Alltag genommen, sich gestreckt und geräkelt und eine neue bequeme Position für die nächsten Jahre gesucht. Beim Einräumen der Fotoalben kommen wir ins Blättern und ins Erzählen. Namen und Jahreszahlen. Geschichten und Erinnerungen. Auf dem Friedhof – denn neben allem anderen ist ja auch Totensonntag – lachen wir über das Chaos aus Zweigen, das der Vater meiner Kinder auf dem Grab unseres mittleren ausgebreitet hat, und weinen ein bisschen, weil mein Kind dort jetzt schon ein Vorschulkind wäre.

Am Abend zu Hause machen wir die Tür zum halbfertigen Zimmer zu, sehen uns passend zu Thanksgiving „Pieces of April“ an, einen weiteren gemeinsamen Abend zum Räumen und Putzen haben wir ja noch. Am Ende strahlt alles wie neu.

Als ich zum ersten Mal wieder allein in meine leere Wohnung komme, gucken alle Dinge ein bisschen traurig.

Ist ja bald Weihnachten! tröste ich sie; Alle werden wiederkommen! Und an meinem Regal vor den Kochbüchern hat meine Schwester einen ihre wunderschönen selbstgemachten Adventskalender hinterlassen.

Was wäre ich ohne die Menschen, die so vieles für mich tun? Sehr viel mehr allein. In einem unrenovierten Zimmer, noch dazu.

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2 Gedanken zu „Mehr Gelb

    1. Greta Autor

      Liebe Susanne, danke! Naja: jetzt weiß ich, dass man den Sonnenschein leider nicht an die Wand malen kann. Und trotzdem gefällt es mir sehr, so wie es jetzt ist.
      Liebe Grüße Greta

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