Ich schicke ein Päckchen

Manche Dinge klingen einfach, sind jedoch in der Umsetzung von erstaunlicher Komplexität. Diese Woche wollte ich meiner Freundin, die mir beim Renovieren geholfen hat, einen Adventskalender schicken. Einen mit Schokolade, weil sie gern welche isst, sich aber dieses Jahr keinen gekauft hat.

Tag 1: Dienstag. Zu spät auf Arbeit, weil morgens Familienberatung mit dem Vater meiner Kinder stattfindet. In der Mittagspause trinke ich schnell einen Abschiedskaffee mit meiner Schwester. Nachmittags treffe ich Mirjam, bei der ich einen Adventskalender in der Streichholzschachtel gewonnen habe. Es ist schön, zusammenzusitzen und die Frau kennenzulernen, die den wunderbaren Tauschlade-Blog voller Anregungen schreibt, den ich so gern lese. Passend zum minimalistischen Adventskalender zeigt sie mir noch, wie man aus Papierstreifen mikroskopisch kleine Sterne machen kann. Dann Großeinkauf für den Rest der Woche. Schokoladenadventskalender leider ausverkauft.

Tag 2: Mittwoch. Rechtzeitig auf Arbeit. Dafür muss ich zu früh wieder los. Kaufe ganz schnell einen Adventskalender im anderen Laden, garnicht so leicht, einen zu finden, der versandgeeignet viereckig ist. Dann Adventsbasteln in der Kita. Erst am Abend zu Hause. Heizung kaputt. Ordnung in den Ranzen des Achtjährigen bringen. Handwerker anrufen und Termin für die Reparatur der Heizung ausmachen. Schnell den Adventskalender zwischen zwei Pappen, Karte dazuschreiben, Papier drum, Adresse drauf.

Tag 3: Donnerstag. Morgens Chaos in der Kita-Garderobe. Muss den Vierjährigen 11 Mal ermahnen, sich endlich auszuziehen. Ein anderes Kind muss ihm unbedingt jetzt gerade die Geschichte von der Entdeckung Amerikas erzählen. Man darf andere Kinder nicht anschreien – auch nicht solche, deren Mutter nicht zur Arbeit muss und es nicht so schlimm findet, wenn es in der Garderobe länger dauert. Unterdessen hat mein Adventskalenderpaket sich unsichtbar gemacht. Als mir das auffällt, bin ich schon fast an der S-Bahn. „Haben sie Ihr Päckchen heute morgen absichtlich hier liegenlassen?“ fragen mich am Nachmittag die Erzieherinnen des Vierjährigen. Nein, nicht absichtlich. Aber wiederhaben will ich es trotzdem. Schnell den Vierjährigen einsammeln und quer durchs Haus zur anderen Gruppe, aus der ich heute den kleinen Sohn der Nachbarn mitnehme, damit die Mutter mit seinem großen Bruder zum Adventsbasteln in die Schule gehen kann. Mein Achtjähriger geht da mit seinem Papa hin, wunderbar. Chaos in der Garderobe des Nachbarssohnes. Irgendwann habe ich eine Jacke (hoffentlich die richtige), zwei Schals, Mütze, Schuhe, Handschuhe und Rucksack an dem Dreijährigen befestigt. Mein Paket hat sich inzwischen unsichtbar gemacht. Als mir das auffällt, sind wir schon fast zu Hause. Mistmistmist. Der Achtjährige kommt um acht aus dem Sportverein. In seinem Ranzen stand die schief zugeschraubte Trinkflasche Kopf. Neeeeeeein… Zum Glück sind die meisten Hefte trocken geblieben. Schnell den Ranzen des Vierjährigen vom Papa meiner Kinder vorbeibringen lassen.

Tag 4: Freitag. Mit sonderbarem Blick spricht mich die Erzieherin des Vierjährigen an: „Ihr Paket – das Sie gestern nachmittag hier mitgenommen haben – das ist in der anderen Gruppe aufgetaucht… Wir können uns das nicht erklären!“ Ich könnte es erklären, habe aber keine Zeit. Eine andere Kita-Mutter – eine von denen, die immer alles im Griff hat – lädt hinter meinem Rückgen gerade den Vierjährigen zu einer Führung in der Sternwarte ein, die am Samstag genau zu unserer Mittagessenszeit stattfinden soll. Neeeeeeein! Das schaffe ich nicht!!!! – Inzwischen wurde mein vergessenes Päckchen zur Chefsache erklärt und liegt im Büro der Kita-Leiterin. Die ist aber nicht dort. Die Suche kostet mich weitere 10 Minuten. Erschöpft und zu spät falle ich auf den S-Bahn-Sitz und atme gaaaanz tief. „Ich muss“, sage ich mir bei jedem Einatmen, „zur Post“ bei jedem Ausatmen. Ich halte das Päckchen fest umklammert, es könnte sonst im Polstermuster des S-Bahn-Sitzes unsichtbar werden. Die Post öffnet erst um neun. Mist.

Alles ist gegen mich. Ich möchte aufgeben. Ich möchte mein Päckchen in den Müll werfen. Es ist nicht besonders liebevoll verpackt. Die Karte hat kein weihnachtliches Motiv. Und wahrscheinlich schmeckt noch nicht mal die Schokolade. Meine ganze Woche kommt mir absurd und schrecklich vor. Ich will nach Hause.

Drin, hinter den Glastüren, räumen zwei betagte Postbeamtinnen in meditativer Ruhe ihre Geldschubladen ein und bedenken mich mit verkniffenen was-machen-Sie-denn-schon-hier-Blicken. Noch 10 Minuten. Was sage ich der Kollegin, der ich gestern versprochen habe, um halb neun im Büro zu sein? Drinnen verhandeln die Beamtinnen mit einem bulligen Sicherheitsmann, gestikulieren hierhin und dorthin, lassen ihn dann heraus und schlagen mir die Tür vor der Nase wieder zu. Noch fünf Minuten. Siedendheiß fällt mir der Vertrag für die Kita-Fahrt des Vierjährigen ein („Mein Kind darf Schwimmen/Reiten/Erdnüsse essen/auch ohne Lebensgefahr eine Spritze bekommen/operiert werden ja/nein, Nichtzutreffendes bitte streichen“), den ich noch ausfüllen und abgeben muss. Und dass die Kita heute wegen der Weihnachtsfeier der Erzieherinnen (für die ich mit meinem Paket eine wundervolle neue Geschichte zum Lachen-über-verpeilte-Mütter geliefert habe) schon um halb vier schließt. Die eine Beamtin rückt sorgältig die Aufsteller mit den üblichen egozentrischen Postbank-Slogans an ihre Plätze. Die andere stellt zwei dampfende Kaffeetassen bereit. Und dann, ganze drei Minuten vor Neun, lässt sie mich mit einem freundlichen Gutenmorgenlächeln herein.

Und dann geht mein Päckchen auf die Reise. Pfffffffff. Ausatmen.

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9 Gedanken zu „Ich schicke ein Päckchen

  1. Susanne Haun

    Guten Morgen, liebe Greta,
    deshalb versende ich alles mit Hermes, es ist völlig unkompliziert, kostet entweder genauso viel oder weniger als bei der Post und es gibt viele, viele Hermes Versandtstellen…. 🙂
    Eine schöne erste Adventwoche, lg von Susanne

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  2. Britta

    Liebe Greta,

    ich musste lachen 🙂

    Manchmal ist das so und dieses Jahr habe ich auch für einen Kalender vier Anläufe gebraucht und als ich ihn dann endlich überreichen konnte, sah man dem Geschenkpapier, was ihn umgab, seine längere Odyssee durch Rucksäcke und Fahrradkörbe durchaus an.

    Aber die Beschenkte hat sich sehr gefreut… ebenso bestimmt deine Freundin/ Bekannte!!

    LG,

    Britta

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  3. cloudette

    🙂 Riesenstress, auweia. Trotzdem witzig zu lesen. Post durch die Gegend zu kutschieren, tagelang, das kann ich auch wunderbar.
    Was ich gerade erst entdeckt habe: Packstation. Das ist grandios! Keine Warteschlange und wenn man über’s Internet frankiert auch noch billiger. (Frag allerdings nicht, wie lange ich für die online-Registrierung bei dhl gebraucht habe. Selten so eine undurchsichtige Website gesehen.)

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    1. Greta Autor

      Hm ja, das mit dem online-frankieren ist eine dieser Herausforderungen, denen ich mich ganz bestimmt sofort stelle wenn ich mal – äh – Zeit habe… Theoretisch liegt die Post ja auch fast direkt auf meinem Weg… Liebe Grüße! Greta

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  4. linguineallimone

    Über die Geschichte mit dem Päckchen musste ich herzhaft lachen! Das hätte genauso gut mir passieren können, und beim Lesen habe ich mir auch die Erzieherinnen in unserer Kita vorgestellt, die den passenden Gesichtsausdruck dafür wirklich drauf hätten.
    Es ist immer so schön, von Dir zu lesen, toll finde ich auch den Hinweis mit der Villa Libris, werde mal schauen, wo sie ist, wenn ich das nächste Mal am Rüdesheimer Platz bin.

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