Nikolaus im Sturm

6. Dezember. Eine Minute vor dem Weckerklingeln fällt mir ein, dass die Stiefel der Kinder – sie haben sie selber abgebürstet, aber das mit dem Imprägnierspray habe ich lieber selber gemacht, aus Angst vor zu viel Nano-Partikeln in ihren Lungen; armer Nikolaus, der das die ganze Nacht einatmen muss – noch ungefüllt sind. Wir haben sogar vergessen, sie rauszustellen, au weia. Ist aber vielleicht besser, bei dem Sturm.

Ich bin wie der Blitz auf den Beinen, mache zur Tarnung das Licht im Bad an, schleiche mich zu den Schuhen und hole das schnell nach.

Zwei Minuten später kommt der verschlafene Vierjährige in die Küche getappelt, der Achtjährige ist schon zum Adventskalender unterwegs. Das heute Nikolaustag ist, haben die beiden auch vergessen, das muss in der Familie liegen. Sie flitzen erst los, als ich vorsichtig nachfrage – Stehen eure Schuhe eigentlich immer noch da, wo ihr sie gestern hingestellt habt?

Zwei Minuten später liegen die Tannenzweige, die ich zur Deko in die Stiefel gesteckt habe, im Flur herum, die mit Schokolade gefüllten Papierherzen sind aufgerissen, meine Söhne sitzen auf dem Fußboden inmitten der Schnipsel und sind mit ihren neuen kleinen Puzzles beschäftigt.

Nebenher laufen die Radionachrichten. Mama, in Afrika ist jemand tot!, hat der Vierjährige mitbekommen. Meinen Streichholzschachteladventskalender darf er heute öffnen, den Text aus einem der im Gefängnis geschriebenen Briefe von Rosa Luxemburg muss ich dann auch gleich vorlesen.

Und dann müssen wir beim Frühstück erst mal ein paar Sachen klären: In Afrika ist jemand tot, aber das liegt nicht an Sturmtief Xaver (mit kleinem Exkurs zu Apartheit, der neulich geschauten Südafrika-Sendung-mit-der-Maus und den Erzählungen einer just von dort zurückgekehrten Kollegin, die berichtet hat, dass man in Südafrika nicht mehr an roten Ampeln halten muss, weil das zu gefährlich ist). Rosa Luxemburg saß im Gefängnis, ist aber nicht die Frau, die mir den Streichholzschachtel-Adventskalender gebastelt hat (mit kleinem Exkurs zum Widerstand im Dritten Reich und zur Frage, was ein „Zitat“ ist). Der Sturm hat LKWs umgekippt und Bäume entwürzelt, aber nicht alle und vor allem nicht in Berlin (mit kleinem Exkurs zu der Frage, warum der Achtjährige heute trotzdem in die Schule gehen und seine Mathe-Klassenarbeit schreiben und seinen Lesetest machen muss, obwohl Berlin die Schulpflicht für heute aufgehoben hat – und mit dem Versprechen, dass wir heute nachmittag im Internet einen schönen Bericht über den Sturm suchen und uns alle umgekippten LKW vom gemütlichen Sessel aus ansehen werden)

Und dann müssen wir los. Etwas dramatischeres als ein paar heruntergewehte tote Äste, ein paar von wer weiß woher vor unserer Tür gestrandete Plastiktüten und ein klitzekleines Stöckchen, dass mir von einer müden alten Linde auf die Mütze fällt, begegnet uns in den menschenleeren Straßen auf dem Schulweg nicht. Sogar die S-Bahn ist nur um die beiden Minuten verspätet, die ich brauche, um sie gerade doch noch zu erwischen.

Am schwarzen Brett im Büro kleine Plätzchentütchen für alle Mitarbeiter. Vor dem Fenster spielt der Sturm mit dicken Schneeflocken. Es weihnachtet.

 

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