Fremdkiezen

Schon in der U-Bahn sitzt mir der Leibhaftige gegenüber. Oder jedenfalls: Älterer Mann mit roten Teufelshörnern am Barett, einen langen weißen Kittel mit roten Schlieren drauf hat er übergezogen, in einem rostfleckigen emaillierten Blecheimer trägt er eng zusammengerollte, mit bunten Bändchen umwickelte Traktätchen und eine Hand voll Kleingeld, das er zählt und wieder in den Eimer klappern lässt, unter seinen Arm geklemmt ein paar Tannenzweige. Eindrückliche Erscheinung. Nebendran die junge Rollstuhlfahrerin ist leuchtend verliebt in den lockigen Mann neben ihr auf der Bank, die beiden kichern über der Sonntagszeitung, Köpfe zärtlich zusammengesteckt. Vom Klappsitz an der Wagenrückwand her blickt die milchkaffeefarbige Schöne von ihrem rotbunten Strickzeug auf. Und dann kommen die U-Bahn-Musikanten und spielen zum Playback ihres tragbaren CD-Players eine so anrührende Klarinettenweise, dass wir alle einen Moment lang verzaubert sind und ihnen Münzen in den ausgestreckten Pappkaffeebecher werfen.

„Diorama“ in der Brunnenstraße – das bedeutet: Kunstmarkt mit Lounge-Musik und Workshops, Holzschnitt kann man da ausprobieren, Collagen gestalten oder eine Tasche zu nähen lernen. Berliner Künstler hoffen auf ein wenig Weihnachtsgeschäft; jede Menge gefällige Gebrauchskunst ist ausgestellt; dazwischen Seelenstücke, die das mit dem Konsumverzicht wieder mal nicht so einfach machen. Ganz kostenlos druckt der nette Siebdrucker eine üppige Krone – auf Wunsch mit dem Schriftzug „Wedding“ – auf mitgebrachte Shirts. Dass das spiegelverkehrt auf der Kleidung stehen muss, weil man dann ja morgens, wenn man irgendwo versackt ist und dann aufwacht und nicht weiß, wo man ist, im Spiegel die Schrift lesen und so einen ersten Anhaltspunkt bekommen kann, erklärt er gleich noch dazu. Wer könnte da widerstehen?

Die Originale der Bilder in dem großartigen Kalender, den ich mir kaufe, gibt es – garnicht so weit weg – im Tassenkuchen-Café, wo, entspannt und gemütlich, Studenten vor ihren Laptops sitzen und junge Frauen bei Milchkaffee über ihr neuestes Lieblingsmodelabel diskutieren – alle in dem beruhigenden Bewusstsein, dass Bio-Quiché und der Ingwer-Tee hier, weit weg vom Prenzlauer Berg, nichts mit Gentrifizierung zu tun haben können.

An der Seestraße, nur ein paar Gehminuten weiter, ist die Gentrifizierung jedenfalls noch nicht erkennbar angekommen. Zwischen den grellen Leuchtreklamen der Geschäfte das wilde Hupkonzert einer – arabischen? – Hochzeit. Schnell in den U-Bahnhof. Am Kiosk unten teilen sich türkische Zeitschriften einträchtig das Regal mit „Hapinezz“. „My name is Bond. James Bond.“ schreit immer wieder der Besoffene, der den Bahnsteig entlangschwankt. 

Jetzt will ich gerne wieder nach Hause.

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4 Gedanken zu „Fremdkiezen

  1. Britta

    „Wedding“ – auf mitgebrachte Shirts. Dass das spiegelverkehrt auf der Kleidung stehen muss, weil man dann ja morgens, wenn man irgendwo versackt ist und dann aufwacht und nicht weiß, wo man ist, im Spiegel die Schrift lesen und so einen ersten Anhaltspunkt bekommen kann, erklärt er gleich noch dazu. Wer könnte da widerstehen?

    Wie sehr sehr klasse!!!! Ich könnte sicher nicht widerstehen!

    LG,

    Britta

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