Allergischer Glitzer-Schock

Eigentlich habe ich das mit der Adventszeit in diesem Jahr ganz gut hinbekommen. Diesmal nicht aus lauter Ehrgeiz noch eine und noch eine und noch eine Sorte Plätzchen gebacken. Sträuße mit Sternen aufgestellt, weil ich die liebe, aber den Herrnhuter Stern, der immer so kompliziert zusammenzubasteln ist, zur Abwechslung mal in seiner Schachtel gelassen. Keinen Weihnachtsmarktbesuch eingeplant, der muss sich spontan ergeben – oder auch nicht. Geschenke für Menschen zusammengepackt, denen eine Freude zu machen mir Spaß macht – und bei den übrigen auf Bescherungs-Perfektionismus verzichtet. Niemand kann etwas gegen Tee und Schokolade haben, oder? Die Wochenenden fein zu Hause verbracht, statt mich in Einkaufszentren über den Menschenandrang zu ärgern.

Aber um dem Vierjährigen einen lange gehegten Weihnachtswunsch zu erfüllen, muss ich dann doch noch mal los. Bin eh in der Nähe der Steglitzer Schloss-Straße unterwegs, wo sich eigentlich alles besorgen lässt, folge der Leuchtreklame eines Elektronikmarktes wie die Könige dem Stern und gerate…  ja – wo bin ich hier eigentlich? Was von außen – jedenfalls von der seitlichen Straßenecke aus – noch immer wie die schabbelige Außenfassade eines alten Kaufhauses aussah, hat sich innen zu einer – zu einer weiteren, fußläufig gibt es noch mindestens drei – Einkaufspassage gemausert. Ehe ich mich versehe, irre ich in der mehrstöckigen Anlage herum und verliere zusehends die Orientierung. Vorhänge aus Lichterketten, dicht an dicht verwoben, hängen über die Geländer, die verschiedene Lichthöfe auf allen Ebenen umgeben. Meterhohe Tropfen aus dem gleichen blinkenden Lichterkettengewebe, umgürtet mit fetten, glänzenden Kugeln, hängen über den Köpfen der Einkaufenden, die hin- und herhasten, ohne aufzublicken. Aus einem Lush-Shop quillt durchdringender Geruch nach Kosmetika, mir wird übel. Und ich habe noch nicht mal den Laden gefunden, in den ich möchte! Als ich dort endlich wieder herauskomme, scheinen die riesigen Lichterkugeltropfen über meinem Kopf bedrohlich zu schwanken. Schaufensterpuppen – noch nicht mal ihnen passen die nuttigen BHs richtig, die sie zur Schau stellen – starren gleichgültig ins Leere. Auf einer Art riesiger Nachbildung einer Gewürzmühle fährt ein Kuscheltier sinnlos im Kreis. Alles blinkt und glitzert, zu grell, zu laut, zu viel. – Wo ist der Ausgang?

Endlich draußen. Tief atmen. Auf dem nassen, schmutzigen Bürgersteig sitzt ein Bettler – nein, nicht nur einer: einer vor jedem Ausgang aus dem glitzernden Vorweihnachtsinferno – in professionell demütiger Pose. Wie ungerührt wir Einkäufer auf der Suche nach dem perfekten Geschenk an ihnen vorbeischauen, irgendeinen Bettelmafiabericht im Kopf, der es uns leicht macht, das Portemonnaie in der Tasche zu lassen!

Die Augen des Mannes da auf den schmutzigen Steinen im Regen sind ausdruckslos – oder ist es schlichte Verachtung, die in ihnen liegt? Für uns, die wir es uns leisten können, großartige Geschenke einzukaufen und gleichzeitig vom Überfluss unserer Konsumwelt angeekelt zu sein? – Zu Hause im Radio dann noch ein Bericht über den Wahnsinn der Vorweihnachtslogistik: vom Spritverbrauch über die satten Gewinne der Paketunternehmen bis hin zu dem von irgendeinem Subunternehmer eingestellten Boten, der für nur 50 Cent pro zugestellter Sendung die Treppe bis zu unserer Wohnungstür hochsprintet und dabei noch freundlich sein muss.

Ich habe immernoch diesen widerlichen Parfumgeruch in der Nase, mir ist immernoch schlecht. Das Gefühl, an alldem nicht wirklich etwas ändern zu können – nicht am sinnlosen Überfluss, nicht an der Armut direkt daneben, nicht durch Wegsehen, nicht mit dem einen oder anderen Verlegenheits-Euro und noch nicht mal mit dem guten Vorsatz „irgendwie weniger“ zu kaufen – macht mich fertig.

Ich möchte heute dringend die Welt retten. Und Glitzervorhänge verbieten.

Und trotzdem möchte ich mich nächste Woche mit meinen Kindern an einem geschmückten Weihnachtsbaum freuen, unter dem viele Geschenke liegen. Weihnachtliche Widersprüche.

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6 Gedanken zu „Allergischer Glitzer-Schock

  1. Susanne Haun

    Ich mag diese Einkaufsbunker auch nicht, Greta. Ich war bisher noch in keinem vor Weihnachten. Aber Am Samstag werde ich mit meinem Sohn Weinhnachtseinkäufe machen. Mal sehen wo wir landen. Dir auch eine schöne weitere Vorweihnachtszeit, lg Susanne

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