Jahresanfang, Teil I

So oft, wie ich im Moment im Wedding unterwegs bin, scheint das dann wohl doch der neue In-Bezirk von Berlin zu sein.

Eine Einladung ins „Schraders“ zum Jahresanfang. Eine behagliche Kneipe – oder ein Café oder ein Restaurant, das „Schraders“ widersetzt sich keiner dieser Bezeichnungen – in dem die unter der Decke baumelnden Teddybären und Weihnachtskugeln, die Elefantenbilder an den Wänden, die Porträts streng blickender Yogalehrer und der schwarze Stierkopf, die Harry-Potter-Bände und Eulen auf dem Fensterbrett, die Amor-Statuetten, die die Deckenlampen am ausgestreckten Arm halten und die Lichterkette mit den weiß leuchtenden Quallen – oder Lilien oder Pilzen – eine behagliche Symbiose eingegangen sind. Auf den Tischplatten –  runde, formgeprägte Messingtabletts – flackern Teelichte in roten Gläsern. Brotscheiben in Konservendosen und Wedges in Blumentöpfen werden serviert.

Ein Tisch für zwei ist gerade noch zu haben, hier ist es schon am frühen Abend voll. Wenn man mit dem richtigen Menschen da ist – einem, der genauso gern herumspinnt wie man selber – ist es auf einmal ganz klar, dass die Leute an den anderen Tischen alle vor dem Betreten des Gastraumes kleine Zettel mit Regieanweisungen gezogen haben. Die drei Freundinnen, die einen Geburtstag nachfeiern. Der von seinem Blind Date versetzte Nerd. Die beiden Frauen auf Mädelsabend (die haben Glück, es gehören viele bunte Drinks und behagliches Geplauder zur Rolle) und das Paar im Beziehungsstress. Das andere Paar (natürlich auf dem Sofa mit der Leopardenfellmusterdecke), das die Hände nicht voneinander lassen kann. Die junge englischsprachige Gruppe, die das neue internationale Flair des Wedding betonen soll. Die vier jungen Leute, die das Restaurant gern für ihre Doppelhochzeit buchen möchten und mit der jungen, tiefausgeschnittenen Bedienung verhandeln.

Auf der Damentoilette ein knallrotes Bild mit einem gelben Gummihandschuh draufgeklebt, das zu kunsttheoretischen und feministischen Betrachtungen einlädt. Auf dem Weg zu den Toiletten sucht ein Student per Aushang Interviewpartner für eine ethnologische Masterarbeit zum Thema „Umzüge“. Ich gerate stark in Versuchung, mich zu melden und eine wilde Geschichte zu erfinden, die die ethnologische Umzugsforschung auf Jahre in die falsche Richtung lenkt… aber die Papierstreifen mit der Telefonnummer sind schon alle abgerissen.

Muss noch betont werden, dass der Riesling gut schmeckt? Das Essen ist so lecker, dass man um jedes Korn Sommerweizen und jeden Bissen der französischen Würzwurst weinen möchte, die man beim besten Willen nicht mehr in sich reinstopfen kann.

Zwischen zwei Herzschlägen sind Stunden von den Armbanduhren verschwunden. Glückliche Stunden. Die ersten für das Honigglas, das ich am Neujahrstag auf meinen Küchentisch gestellt habe.

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