Jahresanfang, Teil II

Dann ist da natürlich wieder ein dritter Januar. Wir fahren zum Friedhof, der Vater meiner Kinder und ich und unsere Söhne, im Arm habe ich einen großen Bund weiße Rosen, die kleinen, verzweigten; im Rucksack ein Grablicht für die Laterne –

„Die wir lieben“, haben wir damals auf unsere Traueranzeige geschrieben, „sind nur geborgt. Wann sie gehen, entscheiden wir nicht. Wir entscheiden, ob wir die Erinnerung als Geschenk annehmen wollen.“ Sechs Jahre ist das jetzt her.

Immernoch finde ich es wichtig, der Erinnerung Raum zu geben. Die Trauer um mein Kind zuzulassen, die ich – dann und wann, in unvorhersehbaren Wellen – empfinde. Und weil ich traurig sein kann, kann ich auch glücklich sein.

Heute bin ich garnicht traurig. Heute bin ich bei den Menschen, mit denen heute Zeit zu verbringen ein Geschenk ist, mit denen ich heute Erinnerungen schaffe, die nicht gegangen sind, sondern nur weggeflitzt – geflitzt trotz meiner Ermahnungen: Pscht, Kinder! Hier rennt man nicht, das ist ein Ort der Ruhe für die Toten! – um dem Traktor hinterherzulaufen, der da hinten, drei Gräberreihen weiter, Gebüsch gerodet hat und es jetzt auf seinem Anhänger wegfährt.

Ich zupfe noch ein bisschen an den Rosen in der Vase herum. Machs gut, Kleiner. Und dann laufe ich dem Vierjährigen und dem Achtjährigen hinterher.

Unseren Trauerspruch von damals möchte ich in eine homöopathische Potenz verschütteln und bei mir tragen. Jeden Tag ein paar Tröpfchen, um es im Kopf zu behalten: Die Menschen, die wir lieben, sind ein Geschenk. Jeden Tag.

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3 Gedanken zu „Jahresanfang, Teil II

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