Jahresanfang, Teil III

Wofür die paar Tage Urlaub diesmal alles gereicht haben! Auch noch für einen Kurzbesuch bei meinem Vater und seiner Frau. Ohne Kinder, heißt ohne Frieren auf Spielplätzen, ohne Unordnung im Wohnzimmer, ohne Furcht, dass der Kinderlärm die Lampe der Untermieter zum Wackeln bringen könnte. Heißt ein langer, geruhsamer Spaziergang durch die noch neujahrsstille Stadt: Weimar.

Wir schlendern durch den Park an der Ilm mit Goethes Gartenhäuschen. Die Wackelbrücke, von der meine Kinder sonst immer Papierschiffchen ins Wasser werfen, wurde vom letzten Hochwasser zerstört und noch nicht wieder aufgebaut. Aber es gibt ja andere.

Da steht das Haus, in dem mein allererster Freund früher lebte. Dort ist die Gärtnerei, in der ich damals ausgeholfen habe, die hat das anscheinend überlebt, genauso wie die zwanzig Jahre danach. Dann ins Imltal! Der Ilmradweg ist von lehmigem Schlamm bedeckt. Unterm Viadukt, über das inzwischen eine Thüringer Privatbahnlinie verkehrt, hallen die Stimmen genau wie früher, als ich hier herumgestromert bin, bis ich es nicht mehr durfte, weil eine Frauenleiche ohne Kopf im Fluss trieb. Auf jeder Seite der riesigen Bogenbrücke eine kleine Gedenkstätte, geschmückt wie ein Grab.

Weiter zum Hundeplatz, auf dem die Trainigszeiten der Welpengruppe und der Blindenhundegruppe und der Turniergruppe und der Freizeithundegruppe ausgehängt sind. Am Hang neue Eigenheime. Hier und da weiß mein Vater Namen und Geschichten, etliche von westdeutschen Akademikern i.R., die hier in einen gediegenen Lebensabend mit Kultur investiert haben. Auch das Haus, in dem wir mal gelebt haben, wurde längst entkernt und in einen Wohntraum verwandelt.

Vorbei am E-Werk, alternativer Kulturort, gegenüber steht das riesige „Atrium“ – Teil des „Gau-Forums“ aus der Hitlerzeit – das aus so stabilem Stahlbeton besteht, dass ein Abriss unmöglich war und eine Sprengung die halbe Altstadt zerstört hätte. Also beherbergt es jetzt ein Einkaufszentrum. Ein toller Indoor-Spielplatz ist da drin, weiß ich von einer alten Schulfreundin. Und für die „größte Kinoleinwand Thüringens“ wird auch geworben.

Wir gehen weiter. Die Fleischerei, deren Türscheibe ich in meiner pubertären frommen Phase beinahe mal eingeschlagen hätte, weil ich das Innungszeichen der Fleischer – das Lamm mit der Siegesfahne – für ziemlich gotteslästerlich hielt, gibt es nicht mehr. Dafür ist das alternative Zentrum „Gerberstraße“, wo schon damals die Linksautonomen ihr Domizil hatten, immernoch da, rotbunte Graffiti, die dem Auge nach allzuviel allerliebst pastellfarbig sanierten Häuschen wohltun.

Weimar ist eine Puppenstubenstadt, liebevoll und sorgsam – und an manchen Stellen mit ein wenig Übermut – aus einem Stilmix-Baukasten zusammengesetzt.

Stolpersteine im Gehweg. Vorbei an Marstall und Schloss, auf dem zentralen Platz an der Herderkirche muss ich das neue, feine, teure, graue Pflaster bewundern. Hier beginnt die Touristenmeile mit den Touristenläden, „Naturtextilien und Esoterik“, „Hutmoden“, „Ginko-Design“ und „Bauhaus-Souvenirs“. Stimmungsvolle Cafés. Vor der Buchhandlung, in der ich gejobbt und mich in die Buchbrache verliebt habe, Postkartenserien mit den Köpfen all der klassischen Berühmtheiten, die sich in Thüringen herumgetrieben haben, Liszt, Fichte; Namen, die mir weniger sagen, als sie sollten. Goethehaus. Im Brunnen gegenüber wurden wir Abiturienten damals „getauft“. Ein Blick auf meine alte Schule, rote Backsteinwürde durch und durch. Und dort ist die Stadtbibliothek, in der ich mit der Zeit alle Lesbenkrimis ausgeliehen habe, heimlich und fasziniert – nach der frommen Phase. Neue Bauhaus-Buswartehäuschen, ohne Scheiben, die zerschlagen werden könnten, ohne Sitzbänke leider auch, wir sind erschöpft. Meine Eltern erzählen vom Weimar-Tatort, der die Regionalzeitungen noch immer beschäftigt, und von der Wurst, die ein findiger Geschäftsmann jetzt flugs unter dem Namen „Fette Hoppe“ vertreibt.

Weimar: Mit seiner Mischung aus Kultur und Provinzialität, aus hübsch und alt, aus weiten Blicken und Puppenstubenwinkeln, aus Fördergeldern und kleinen verbliebenen Ecken des Verfalls, aus Studenten, Touristen, zugewandertem Geld und eigensinnigen Thüringer Macher-Menschen… und Erinnerungen. Es ist immernoch schön hier.

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5 Gedanken zu „Jahresanfang, Teil III

  1. Pinni

    ‚Sind sie nicht bald müde‘ frage ich mich beim Lesen und dann fällt mir wieder ein, dass die Strecken längst nicht mehr so weit sind wie sie früher erschienen. Trotzdem eine beachtliche Runde! Danke für’s Mitnehmen, ich bin gern mitgelaufen.

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