Zeitbombe im Schlafzimmer

Seit mein Zimmer so schön gelb gestrichen ist, mag ich es nicht mehr, wenn da drin das ausgezogene Sofa mit meinem Bettzeug rumsteht – und habe mir ein nomadisches Schlafverhalten angewöhnt. Am liebsten würde ich dauerhaft ins Zimmer des Vierjährigen umziehen, wo man durch die großen Fenster nachts die surreal orange leuchtenden Winterwolken über Berlin sehen kann. Aber nach einer unerwarteten spätabendlichen Begegnung mit etlichen Matchbox-Kleinwagen, die unter meinem Laken geparkt waren, habe ich beschlossen, in mein halbes Zimmer umzuziehen, wenn die Kinder da sind.

Habe ich mein halbes Zimmer eigentlich schon mal gepriesen? Kann eine Wohnung funktionieren ohne einen kleinen, eigentlich unnötigen Raum, der keinen anderen Zweck hat, als Platz für alles zu bieten, was einen Platz braucht?

(Der Wäscheschrank. Die Bücherwand. Selbstgebaute Hängeböden. Ein Gästebett. Die die Fischlaternen, die sich zur Weihnachtszeit in den anderen Räumen unwohl fühlen. Ein buntes Gemälde, das meine Mutter mal geschenkt bekommen hat; ein Mobile mit vielen, vielen Schmetterlingen; die dicke Clivia, die es schon gab, als ich selber noch klein war. Erinnerungen in Kisten und Erinnerungen im Kopf. Die Rollkoffer, mit denen wir verreisen, die Sachen, die zu klein geworden sind und die, die über den Winter aus den Schränken rausmussten. Das Federballspiel, die Fahrradtaschen. Fotos an der Wand. Der große Spiegel, vor dem meine Kinder nach dem Frühstück ihre Marmeladenbärte bewundern. Gäste und ihr Gepäck. Vor Weihnachten – zum Beispiel – außerdem ein Stapel Plätzchendosen, ein Wäschekorb mit Geschenken und all die Kisten mit Baumschmuck. Und bei Bedarf noch beinahe beliebig viel mehr.)

Jedenfalls ziehe ich mit Sack und Pack und Übergrößendecken in mein halbes Zimmer um, kuschele mich unter die Decke, mache die Augen zu und – es beginnt zu ticken. Tikkkk – Tack. Tikkkk – Tack.

Moment. Meine Besuchsfreundin hat das neulich auch schon erzählt, und ich habe das nicht so richtig ernstgenommen. Warum tickt das jetzt hier so? Das muss die Uhr sein, die im Flur vor der Tür zum kleinen Zimmerchen hängt. Tür zu. Das Ticken hält an. Irgendeine seltsame Resonanz durch geschlossene Türen hindurch? Sollte ich das kleine Zimmer an die Philharmoniker untervermieten, wenn es eine so gute Akustik hat? Mit diesem Gedanken – den Fuß meines rot-weiß geringelten Sorgenfressers tief ins Ohr gestopft, anderes Ohr fest ans Kissen gepresst, Decke bis zur Nasenspitze über den Kopf gezogen, jetzt tickt es nur noch ganz leise – schlafe ich ein.

Am nächsten Abend ist das Ticken immer noch da. Und soooo laut! Haben die Nachbarn – die hinter der Papierwand, mit denen ich gar nicht so viel reden muss und sie wissen trotzdem eine Menge über mich – eine neue Standuhr zu Weihnachten bekommen? Ich verwerfe den Gedanken wieder, eigentlich tickt es ja von der anderen Seite. Ich lege das Ohr an die Wand, vielleicht hat die ja eine dünne Stelle und man hört die Küchenuhr durch? Auch nicht. Hat die NSA ausgerechnet in meinem Bücherregal ihre Abhörtechnik für unseren Kiez installiert? Jetzt will ich es bitte genau wissen. Es scheint von da oben zu kommen, daaaaaa…

Eine unauffällige braune Papiertüte steht ganz oben auf meinem Bücherregal. Ich hole sie runter und lege mein Ohr daran. TIKKK – TACK. TIKKK – TACK. Aha! Und dann fällt mir auch ein, worum es sich handelt: Das ist das Geburtstagsgeschenk für den Vierjährigen, das meine ganz große Schwester schon zu Weihnachten mitgebracht hat. Stells doch einfach irgendwo ins halbe Zimmer, habe ich gesagt, da ist Platz.

Fühle mich mindestens so gut wie Sherlock Holmes, als ich das Päckchen aus dem Zimmer verbanne und kurzentschlossen erstmal im Flur im Einkaufsrolli versenke. Ja, ich habe sogar schon so eine Ahnung, was drin sein könnte. Scharf nachdenken, Watson!

Advertisements

5 Gedanken zu „Zeitbombe im Schlafzimmer

    1. Greta Autor

      Macht einen schon nervös, wenns irgendwo tickt und man sich das einfach nicht erklären kann… Hoffentlich kann er dann in seinem Zimmer noch schlafen… Liebe Grüße Greta (Melde mich auch per Mail, versprochen, heut oder morgen…)

      Gefällt mir

      Antwort
  1. guinness44

    Ich bin mir nicht mehr sicher, aber ich denke, dass der Link auf dem Blog der Perlenmama war, die mich zu Deinem Blog gebracht haben. Die Zeitbombe im Schlafzimmer war das erste was ich gelesen habe und ich muss zugeben, dass ich es nicht so richtig verstanden habe. Danach kamen die „Würfel“ und es hat mich, wie bereits erwähnt, an den Geburtstag meines Sohnes erinnert. Dann habe ich angefangen Deinen gesamten Blog zu lesen und jetzt bin ich durch. Wie bei einem guten Buch ist man einerseits froh, da man jetzt sozusagen „alles“ „versteht“. Andererseits muss man jetzt warten bis zum nächsten Eintrag. Ich freue mich schon darauf und bedanke mich für das bisher Geschriebene.

    Gefällt mir

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s