Ein Mittwoch im Winter

Blitzeis in Berlin. Auf den Gehsteigen der Hauptstraßen spielen die kleinen Streufahrzeuge Fange, in den eisglatten Nebenstraßen werden die Gestürzten eingesammelt und mit Feuerlöschzügen ins Unfallkrankenhaus gebracht. Später Schneefall.

Schon einen Tag vor dem Wintereinbruch – sozusagen in vorauseilendem Gehorsam – hat der Vierjährige wieder mal Bronchitis bekommen. Zur Wochenmitte sammle ich ihn bei seinem Vater ein, ihn und das Inhaliergerät und die Nasentropfen und den Hustensaft und den Kuschelhasi und die von der Kinderärztin angemischte Inhalationslösung. Das Laptop aus dem Büro hab ich auch einstecken. Außerdem die Beeren für die Muffins, die wir (morgen) fürs Lesefrühstück (übermorgen) in der Schule backen müssen und die Hose des Vierjährigen, deren kaputten Verschluss ich habe reparieren lassen und ein Mischbrot… was sich in Elterntaschen eben so ansammelt.

Der kurze Weg durch die kalte Luft bringt meinen kleinen Sohn entsetzlich zum Husten. Der Hustensaft ist diesmal nicht die übliche Sorte, die so scheußlich nach Kirschsirup schmeckt – und den die Kinder lieben – sondern eine, die der Vierjährige am liebsten heimlich in die Spüle gießen möchte. Nix da! Schlucken! Aus dem Schulranzen des Achtjährigen kommt die Klassenarbeit zum Textverständnis zum Vorschein, Note Vier, er ist ganz niedergeschlagen. Erst mal Abendessen. Inhalieren. Noch Quatschreime machen, verlangt der Vierjährige wie jeden Abend: „Schlaf gut, schlaf schön, schlaf tief, schlaf lange – und träum von einer Klapperschlange. Schlaf schön, schlaf tief, schlaf fest, schlaf gut – und träum von einem Zuckerhut. Schlaf gut, schlaf schnell, schlaf dich gesund – und träum von einem Kuschelhund.“ Dann ist endlich Zeit, um mit dem Achtjährigen noch mal die Klassenarbeit durchzugehen. Eine Ausrutschervier, kann ich ihn – selber beruhigt – trösten, beim nächsten Mal liest du dir die Fragen ganz genau durch und es klappt besser.

Zwischendurch klingelt das Telefon, Ab- und Zusagen zur Geburtstagsparty des Achtjährigen halten sich die Waage, es bleibt spannend, denn wenn weniger als die Hälfte der eingeladenen Kinder kommen können, möchte mein Sohn seine Feier verschieben. Ob der Vierjährige – der auch in diesem Jahr wieder ein paar Tage vor dem Achtjährigen Geburtstag hat – mit seinen Freunden feiern kann, steht nun auch nicht mehr fest.

In die Kita kann er mit seinem Husten jedenfalls nicht, und Anfang der Woche hat die sowieso zwei Tage geschlossen. Dass der Vater meiner Kinder den allergrößten Teil dieser Krankheits- und Schließtage übernimmt, weil er von meinem Arbeitsstress weiß, macht den Spagat zwischen krankem Kind und dringenden Aufgaben dieses Mal leichter. Das ist nicht selbstverständlich, auch nicht im Wechselmodell.

Dankbar und ein kleines bisschen gerührt wende ich mich meinem übervollen Wäschekorb zu. Draußen liegt immernoch Schnee, orange im Licht der Straßenlaterne.  

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4 Gedanken zu „Ein Mittwoch im Winter

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