Nochmal: Ufff…

Die halbleer gegessenen Kuchenplatten zurück in die Küche, zerrissenes Packpapier in den Papierkorb. Geschenkbändchen aufwickeln. Die beiden großen Taufkerzen meines großen Sohnes und seine Fotoalben, die wir uns am Abend vor seinem Geburtstag angesehen haben, zurück ins Kinderzimmer. Die Geburtstagsschlange, die traditionell den Frühstückstisch schmückt – neun war die größte mitgelieferte Zahl zum Aufstecken, aber ich hab ja ein Jahr Zeit, mir zu überlegen, wie wir das im nächsten Jahr lösen – zurück in ihren Karton. Übriggebliebene Mitgebsel wegpacken. Meine Söhne kommen mit ihrem Vater zum Restefrühstück, danach spielen wir eine lange Runde Malefiz aus der neuen Spielesammlung des Fünfjährigen. Die Geschenke des seit gestern Neunjährigen warten noch darauf, in Ruhe besehen und ausprobiert zu werden.

Unsere erste Kindergeburtstagsparty-mit-Ausflug hat gut geklappt, überraschend gut. Die Gäste des Neunjährigen, die bei seinem vorletzten Geburtstag noch ängstliche, unsichere, wilde und teilweise rotzfreche Kinder waren, haben sich zu umgänglichen, freundlichen Jungs entwickelt, die mir und dem Vater meiner Kinder beim Kaffeetrinken ausführlich die Völkerball-Regeln erklären und hinterher allesamt auf der Strickleiter und an der Schaukelstange im Zimmer des Neunjährigen baumeln, bis wir mit dem Bus zum Indoorspielplatz aufbrechen. Das Kind, dem im Bus immer übel wird, übergibt sich nicht, und das allergische Kind kriegt keinen allergischen Schock vom Geburtstagskuchen. Im Indoorspielplatz toben die Jungs, turnen behände die riesige Rutsche hoch, verstecken sich in Räumen, die sie eigentlich nicht betreten sollen, jagen und fangen einander und sind kaum aus den luftigen Höhen des großen, schön gepolsterten Kletterkäfigs herunterzubekommen, als ihre Eltern den nicht besonders gut ausgeschilderten Spielplatz am Abend endlich gefunden haben und ungeduldig nach ihnen Ausschau halten.

Trotzdem ist der Neunjährige traurig. Mama, sagt er, die Party war eigentlich nur zum Teil schön. Und ich leide mit meinem Kind, denn ich habe es auch gesehen: Wie sehr mein Sohn außen vor war, als seine Freunde sich über Serien oder Filme oder Computerspiele unterhalten haben, deren Namen ich noch nie gehört habe. Als sie voreinander mit ihren Urlaubsreisen nach Fuertaventura oder Mallorca angegeben haben. Und später, als sie losgeflitzt sind, um sich zu verstecken, und meinen Sohn zurückgelassen haben. Nicht schnell genug, nicht cool genug, einfach keiner von ihnen. Wie gern hätte ich am Abend im Bus auf dem Heimweg ein glückliches Kind im Arm gehalten. Wie gern würde ich es ihm leichter machen, dazuzugehören. Aber ich kann es ihm nicht abnehmen, seinen Platz unter Gleichaltrigen zu finden.

Ich habe noch im Ohr, wie ich als Kind vertröstet wurde: Wenn du aufs Gymnasium kommst… dann findest du bestimmt richtig gute Freundinnen. Obwohl das sogar stimmte, war es kein Trost, wenn ich mich in den Jahren davor zwischen den anderen Mädchen – manchmal – sehr allein gefühlt habe. So wie es für meinen Sohn jetzt keiner ist, wenn ich ihm verspreche, dass er eines Tages Freunde – richtig gute Freunde – haben wird.

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