Blicke nach vorn und Blicke zurück

Weil die Festzeit durch die Kindegeburtstage bei uns immer bis Anfang Februar dauert, stellt sich hinterher immer nochmal ein verspätetes Jahresanfangsgefühl bei mir ein. Noch dazu beginnt der Countdown bis zur Umstellung unseres Wechselmodells: Ganze Wochen mit meinen Kindern! Und dazwischen Wochen, die sie bei ihrem Vater verbringen werden, in denen ich nur den Neunjährigen in den Sportverein und wieder nach Hause begleiten werde.

Mehr Tage am Stück ohne meine Kinder also, ein anderer Rhythmus des Familien- und Alleinlebens, Zeiten, die ich anders als bisher füllen könnte – mein Kopf jedenfalls füllt sich schon mal mit Ideen. Sooo lange nicht mehr Tango getanzt! Könnte ich irgendwo mehr über Zeichnen und Malen und Collagen lernen? Hab ich da nicht mal was über kleine dienstagmorgendliche Zen-Meditationen irgendwo in Berlin gelesen? Und wie ist das eigentlich mit meinem gelegentlichen Wunsch, mein Leben irgendwann wieder mit jemandem zu teilen, nicht nur die Kuchenstücken, nicht nur die kleinen Fluchten, sondern den Alltag, das Trockenbrot (au weia, beinahe aussichtslos, aber dazu vielleicht mehr in einem anderen Beitrag demnächst) –

Erst mal kommt die Post und bringt ein Büchlein, weitgereist, aus irgendeinem Übersee-Antiquariat. Gedichte von Bronwen Wallace, deren Geschichtensammlung „Wem Du Dein Leben anvertraust“ seit vielen Jahren zu den Büchern gehört, denen ein Platz in meinem wenn-du-nur-fünf-Bücher-mitnehmen-könntest-Koffer sicher wäre. Jetzt lese ich ihre Gedichte, die nie ins Deutsche übertragen worden sind, und fange enthusiastisch damit an, ein oder zwei davon zu übersetzen – enthusiastisch zumindest so lange, bis meine Besuchsfreundin mich vorsichtig darauf hinweist, dass sich das, was ich da produziert habe, äußerst holprig liest.

Na dann eben nicht. Dann kümmere ich mich eben erst mal um unsere Fotos aus den letzten 16 Monaten. Sichte, sortiere, wähle aus dem, was wir festgehalten haben, die Momente aus, an die wir uns irgendwann beim Betrachten unserer Alben erinnern werden: Das durch die Luft wirbelnde Kissen auf der Party zum fünften Geburtstag meines kleinen Sohnes, kurz bevor es seinen Vater trifft, im Hintergrund die triumphierenden Geburtstagsgäste auf dem Hochbett. Den kritischen Blick, mit dem mein großer Sohn im Waldhäuschen in der Pfanne mit den Pilzen rührt. Das atemlose Staunen meiner Kinder beim Runterschauen aus der Gondel einer Seilbahn, in der sie mit ihrem Vater im Sommer gefahren sind. Und die Grimassen, die sie zu dritt, abends, vor dem Spiegel ihrer Ferienwohnung geschnitten haben. Das Lachen der Mütter, mit denen ich einen heißen Sommertag auf einem Kurausflug nach Hiddensee verbracht habe. Unser Drachen, den ein plötzlicher Windstoß beiseite getrieben hatte, so dass nur noch sein Schwanz durch den blauen Ostseesommerhimmel auf dem Foto wirbelt. Das Gesicht des Inselmannes im Rückspiegel seines Autos, umgeben von gelben Rapsfeldern im Oderbruch, und die Tropfen, die aus den schaurigschwarzen Wolken gerade auf die Frontscheibe zu prasseln beginnen. Die bunten Abdrücke von Ostereiern im Schnee. Meine Kinder, wie sie mit ihren stolzen Großeltern einen Spaziergang machen, wenige Minuten, bevor der damals Vierjährige in den Bach fällt und unter einer Brücke hindurchgespült wird. Ein Holzbrett mit selbstgefüllten Ravioli, neben dem der damals Achtjährige stolz posiert. Meine Söhne und ich, strahlend und erwartungsvoll, unter dem Weihnachtsbaum von 2013 und unter dem von 2012.

Blicke nach vorn und Blicke zurück. Augenblicke, an die ich mich erinnere, und Augenblicke, die ich mir vorstelle.

Und dazwischen das Hierundjetzt, wo ich mich in Gedichte von weit her vertiefe, in denen sich Bronwen Wallace mit Momenten aus ihrer Erinnerung auseinandersetzt. Und wo die Vorfrühlingssonne auf die letzten Schneereste scheint und alles, was ich mir ausmale, für möglich erklärt.

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6 Gedanken zu „Blicke nach vorn und Blicke zurück

  1. tikerscherk

    Du schreibst so schön und stimmungsvoll! Wenn ich bei dir lese, bedaure ich manchmal selbst keine Kinder zu haben, so glücklich erscheint ihr mir zusammen.
    ja, die Vorfrühlingssonne erklärt alles für möglich.
    Vielleicht hast du Lust mal ein Originalgedicht hier einzustellen? ich liebe Lyrik und es würde mich sehr interessieren, was da von weit her zu dir kam.

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    1. Greta Autor

      Oh, danke! Auch wenn das mit dem nur-glücklich-zusammen an der Auswahl der Fotos liegt. Eben die, an die ich mich gern erinnere.
      Ja, vielleicht krieg ich das hin, mal eins der Gedichte im Original in meinen Computer zu stopfen. Dann schick ich es Dir oder stell es hier ein.

      Liebe Grüße Greta

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    1. Greta Autor

      Oh ja bitte! Trockenbrot! – Ich bin gespannt, ich wollte diese neue Form des Wechselmodells – aber vor den ganzen Wochen alleine hab ich auch Angst. Ich werde meine Kinder schrecklich vermissen! Dafür werden die gemeinsamen Wochen ruhiger, weil wir mehr Zeit miteinander haben. Darauf freu ich mich sehr.

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