Wir machen Kunst

Nach etlichen schönen, ereignisreichen Tagen bin ich heute allein und hab Zeit, um zur Ruhe zu kommen – und aufzuräumen. Das Schwimmzeug, das noch auf dem Wäscheständer hängt, nachdem ich am Freitag einen Ferienvormittag mit dem Neunjährigen in der Schwimmhalle verbracht habe. Die Jacke des Fünfjährigen, die schmuddelig geworden ist, als er bei seinen ersten Eislaufversuchen am Sonntag wieder und wieder hingefallen (und tapfer wieder aufgestanden!) ist.

Aber im Wohnzimmer möchte ich eigentlich noch garnicht aufräumen. Da liegen unsere Bilder. Gelbe und rote, blaue und schwarze Drucke.

Wir können nämlich jetzt Kunst! Jedenfalls ein kleines bisschen. Denn am Samstag hat Susanne bei uns einen Linolschnittworkshop abgehalten – meinen Söhnen und mir ein paar Grundlagen gezeigt und uns beim Ausprobieren dessen angeleitet, was sie in ihrem Buch zu diesem Thema beschreibt.

Ein Workshop zu Hause – das ist wirklich klasse. Alles, was wir brauchen, hat Susanne in ihrem großem Korb dabei – Messer und Farben, kleine Druckplatten, aber auch Drucke, die wir bestaunen und etliche von ihr geschnittene Platten als Anschauungsmaterial. Schnell noch ein Kaffee, und dann legen wir los.

Wir sind vorbereitet: Meine Kinder haben am Morgen gleich gewusst, was sie machen wollten, und ihre Entwürfe gezeichnet. Ich habe mich schwerer getan – zuerst gar keine Idee gehabt und dann plötzlich überall Motive gesehen. Die Winterlandschaft ist am Ende leider zu schwer, weil ich große weiße Flächen wegschneiden müsste. Also die Winden, die ich aus einem alten Pflanzenbuch abgezeichnet habe. Susanne hat Messer dabei und ein Stück Linoleum für mich und postkartengroße Radiergummis – jedenfalls sehen die Blöcke so aus und fassen sich auch so ähnlich an – für die Kinder. Die schneiden sich wie Butter, und der Fisch des Neunjährigen und das Haus des Fünfjährigen sind mit Kuli auch schnell draufgezeichnet, während ich noch mit Blaupapier meine Blümchen aufs Linoleum pause.

Und dann nehme ich endlich auch ein Messer zur Hand und staune – so schwer ist das garnicht! Susanne geht dem Fünfjährigen zur Hand und erinnert beide Kinder immer wieder daran, ihre Platten so festzuhalten, dass sie nicht in Richtung ihrer Hände schneiden. Der Neunjährige kommt ansonsten schon allein zurecht und ist konzentriert bei der Sache. Dann werden die Farben ausgepackt. Und die kleinen Rollen – meine Kinder finden es hochspannend, ihre Druckstöcke einzufärben und dann die Farbe mit einer Art Filzstempel ans Papier zu reiben. Und dann – voller Spannung – wird das Papier abgezogen und der fertige Druck kann bewundert werden. Ohhh! Das sieht sofort wie richtige Kunst aus. Nochmal! Die Kinder hantieren mit den Farbrollen und drucken emsig, ich schnitze mein Motiv fertig und darf dann auch mal mit Drucken drankommen. Aha, hier und da muss noch verbessert werden, manche Linien sind zu dünn geraten. Inzwischen regt Susanne meine Kinder dazu an, aus ihren Druckstöcken noch Flächen herauszuschneiden. Dann werden einige der ersten, gelben Drucke mit einer zweiten Farbe überdruckt. Plötzlich hat der Fünfjährige ein rotes Haus, in dem ein Fenster und eine Tür gelb leuchten! Und im tiefschwarzen Wasser tummelt sich auf dem Druck des Neunjährigen ein gelber Fisch zwischen weißen und gelben Wasserpflanzen! Die Farbkontraste lassen die Bilder wunderbar lebendig wirken, die Abzüge werden immer besser. Der kleine Tisch ist längst voll, schnell eine Decke aufs Sofa und noch eine auf den Boden, auf denen die Bilder ausgebreitet trocknen können. Mich juckts  in den Fingern, jetzt noch weiterzuarbeiten. Eigentlich müsste ich noch mehr Linien verbreitern, eigentlich möchte ich noch mehr Flächen ausschneiden und noch mehr zweifarbige Drucke machen – unser Nachmittag ist viel zu schnell vorbei.

Wir waschen unsere Druckplatten ab – die Wasserfarbe löst sich wunderbar. Und bedanken uns bei Susanne für einen großartigen Workshop. Ich fange sofort an zu spinnen: Sowas möchte ich wieder machen. Mit Freunden gemeinsame Nachmittage-mit-Kunst verbringen. Gemeinsame Zeit. Eine große Mappe voller Drucke entstehen lassen. Ach, sagt mein Vater am Telefon, so ein Set Linolschnittmesser kullert hier bei mir noch irgendwo herum. Das klingt ja schon mal gut.

Und vielleicht nutzen wir ja nächstes Jahr Susannes Angebot, auch Kindergeburtstage als kleinen Kunstworkshop auszurichten – und zeigen den Freunden des Neunjährigen mal, wozu sie in der Lage sind, wenn sie mal zwei Stunden lang nicht toben. Pah, Bowlen kann ja jeder!

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15 Gedanken zu „Wir machen Kunst

    1. Greta Autor

      Weiß ich noch nicht. Ich muss erst mal losgehen und Preise vergleichen. Und mich erkundigen, ob es heute noch Handwerker gibt, bei denen Linoleumreste einfach so anfallen. Ansonsten: Künstlerbedarf? Susanne sprach von einem Laden namens „Boesner“; vielleicht hat aber auch der große Bastelladen auf der Golzstraße sowas, die führen auch Künstlerbedarf.

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  1. dietauschlade

    Deine Samstags-Schilderung klingt toll!
    Linolschnitt habe ich vergangenes Jahr auch mal wieder ausprobiert (wir hatten das mal in der Schule gemacht) und ich war ebenfalls ganz hingerissen von Vorgang sowie den Ergebnissen!

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    1. Greta Autor

      Ja, genau das ist es: der Vorgang macht schon Spaß, und die Ergebnisse sehen toll aus. Und wenn ich das hinkriege, mir die Grundausstattung fürs Schneiden und Drucken zu beschaffen, wird vielleicht sogar ein kleines Zeit-Schenken-und-Kunst-Austausch-Projekt daraus.

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  2. Pingback: Unterwegs zum Linolschneiden – Workshop mit Susanne Haun | Susanne Haun

  3. Martina Wald

    Hat dies auf jedentagzeichnen mit Martina Wald rebloggt und kommentierte:
    „Wir können jetzt Kunst“ – hier beschreibt eine Mutter von zwei Jungen wie man „Kunst machen lernt“, ganz praktisch bei sich zu hause, weil die Künstlerin Susanne Haun für ihren Linolschnitt-Workshop alles, was man dazu braucht mitbringt und dann zeigt wie´s geht. Interessanter und sinnvoller kann man sich Kunst lernen für Kinder und Erwachsene nicht wünschen

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  4. Pingback: Gesehen, gelesen, gehört und gespielt… im Februar | gretaunddasleben

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