Krötenragout

Schon lange arbeite ich an diesem Text.

Es ist schwierig, über das zu schreiben, was mich in den letzten Wochen beschäftigt, zornig und verzweifelt macht, das eigentlich funktionsfähige wechselseitige Betreuen unserer Kinder in Frage stellen lässt.

Vielleicht so:

Ein Einschreibebrief an einem Samstagvormittag. Vollkommen unerwartet.

Das Jobcenter, von dem der Vater meiner Kinder Leistungen zur Sicherung des Unterhaltes für sich und – weil er sie ja hälftig betreut – unsere beiden Söhne bezieht, verlangt in harschem Ton Auskünfte über mein Einkommen. Was dem Vater meiner Kinder für die beiden bewilligt wurde, möchte das Amt sich nun gern von mir zurückholen.

Ich bin am Boden zerstört.

Ich wollte niemals die Feinheiten des Unterhaltsrechtes kennenlernen, am wenigsten in Kombination mit „Wechselmodell“ und „Harz IV“. Wer seine Kinder hälftig betreut, hat – Gesundheit und Fähigkeit vorausgesetzt – auch für die Hälfte ihres Unterhaltes zu sorgen, sollte es nicht so einfach sein?

Ist es nicht.

Meine Kinder sollen nicht in Armut aufwachsen – und ich war stolz darauf, dass ich gut für sie sorgen konnte, bisher, dass ich in den letzten zwei Jahren nicht mehr jedes Extra erst abwägen musste.

Wie soll es weitergehen, frage ich mich jetzt, bang –

Nie, nie, nie wollte ich über Geldfragen bitter werden: Wie seltsam fand ich Männer, die bei ersten Dates augenrollend über horrende Unterhaltszahlungen an ihre Ex-Gattinen und die gemeinsamen Kindern klagten…

Nun beginne ich, ihre Gefühle zu verstehen.

Und mehr als alles andere wollte ich mein Leben losgelöst von den Entscheidungen meines Expartners – und den finanziellen Konsequenzen dieser Entscheidungen – führen.

Keine Chance.

Denn jetzt… Jetzt führt das, was die Familienberaterin – so wertneutral, wie nur wirklich professionelle Familienberaterinnen wertneutral sein können – als „Ihre unterschiedlichen Vorstellungen vom Leben“ bezeichnet, wenn sie mir und dem Vater meiner Kinder gegenübersitzt, dazu, dass ich in eine rechtliche Lage gerate, in der diese meine Wünsche keine Rolle spielen.

Kann es wirklich sein, dass „Wechselmodell“ unterm Strich bedeutet, dass ein Elternteil sein Recht darauf einfordert, die gemeinsamen Kinder die Hälfte der Zeit bei sich zu haben – und das andere auf der Pflicht sitzenbleibt, den ganzen finanziellen Unterhalt zu leisten?

Ich weiß nicht, wie ich diese Kröte garkriegen und in mundgerechte Stücke zerlegen soll.

Wir bearbeiten Ihren Widerspruch, schreibt mir das Amt erst einmal, Sie werden wieder von uns hören.

Worauf ich mich wohl verlassen kann.

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Nachtrag: Ich habe die Kommentarfunktion bewusst ausgeschaltet – da das Thema die Privatsphäre gleich mehrerer Menschen berührt, möchte ich nicht mit weiteren Details auf Eure Rückmeldungen und Fragen eingehen. Aber wenn eine oder einer von Euch Erfahrungen mit Wechselmodell und Unterhalt hat, freue ich mich über einen Austausch per Mail.

 

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