Signale aus Paralleluniversen

Diese Theorie mit den vielen, vielen Paralleluniversen finde ich absolut einleuchtend.

Wie nahe beieinander sie in Berlin liegen:

Am anderen Kanalufer, dort, wo gar kein Weg ist, die zwei Männer – vielleicht aus dem Flüchtlingsheim, das im Niemandsland hinter dem Aldi versteckt ist – die sich auf ein paar Betonplatten einen Platz in der Sonne gesucht haben.

Ein paar Schritte weiter der Polizist, der – vielleicht – in eben diesem Heim arbeitet, mit müdem Gesicht auf dem Heimweg.

Morgens die kroatische Putzfrau, die nach dem Ende ihrer Schicht in die Sonne blinzelt, die noch nicht aufgegangen war, als sie angefangen hat, Büros zu saugen.

Gleich daneben der Bauarbeiter, der sich – mit freiem Oberkörper und Piratentuch – am Bauzaun zu schaffen macht.

Der amerikanische Architekt, der in seiner neuern Berliner Zweitwohnung zu Cocktails einlädt.

Der dicke Mann in der S-Bahn, auf dessen T-Shirt der Spruch „Je länger ich lebe, desto mehr Menschen gibt es, die mich am A… lecken können“ zu lesen ist (warum in aller Welt läuft er so herum?).

Die jungen Studentinnen, übermütig in ihren flatternden Blusen und Jumpsuits und ultrakurzen Shorts.

Das Paar, das sich im Schutz der S-Bahn-Brücke leidenschaftlich küsst, ein Junge mit Basecap, ein Mädchen mit Kopftuch.

Menschen, die keine Berührungspunkte haben. In Welten leben, die sich nicht überschneiden, sich höchstens für einen flüchtigen Moment aneinander vorbeidrehen.

Oder doch:

Ein Auto hat – anscheinend – eine S-Bahn-Brücke gerammt und beschädigt, der Zugverkehr ist in der besten Nachmittagszeit unterbrochen. Eine überfüllte Bahn fährt – keiner weiß, wohin, die Ansagen an den verschiedenen Stationen sind widersprüchlich. Aber jeder Meter in die richtige Richtung zählt.

Und plötzlich reden wir miteinander:

Die verschwitzten polnischen Männer, die rüstige Dame mit dem Wandergepäck, der stämmige junge Mann, der so kräftig berlinert, die hübsche Studentin, die elegante Seniorin mit dem russischen Akzent, die Frau im Business-Kostüm und die mit dem kahlen Kopf und den großen Tätowierungen.

Wir schauen einander ratlos an, gefangen in der gleichen typischen Berliner Misere. Wir lachen miteinander über die vage formulierten Durchsagen und die obligatorische Bitte um unser Verständnis. Wir stückeln unsere Kenntnisse der Berliner Verkehrsverbindungen zusammen. „Nach Frankfurter Tor wollen sie? Wenn Sie hier vom Südkreuz nach Alex fahren, können sie da eine U-Bahn zum Frankfurter Tor nehmen.“ „Von Südkreuz kann man doch nicht nach Alex – ?“ „Doch, da gibts ne Regionalbahn. Oder ne S-Bahn.“ – „Wenn Se nach Norden wollen, könnSe auch die U8 nehmen, aber nicht von Hermannstraße, sondern erst von Hermannplatz, da könnSe einfach hinlaufen, wennSe n bisschen Zeit haben!“ „Laufen ist mir aber zu weit, das geht nicht bei der Hitze“ „Nach Hermannplatz können Sie von Neukölln aus aber auch die U7 nehmen“ – „Wenn die Störung bei der Sonnenallee ist, müsste Ihr Zug nach Schönefeld trotzdem fahren“ –

Als plötzlich durchgesagt wird, dass die S- Bahn-Brücke wieder freigegeben ist und die Bahn planmäßig weiterverkehren wird, seufzen wir erleichtert auf. Lächeln den Menschen auf der Sitzbank gegenüber noch einmal zu. Und dann sind wir einander plötzlich wieder fremd. Steigen aus, steigen um, kehren in unser eigenes kleines Universum zurück.

Advertisements

7 Gedanken zu „Signale aus Paralleluniversen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s