Vom Alleinsein (II) … und vom Gemeinsamsein

Meine Besuchsfreundin besucht mich, für eine ganze Woche, weil sie auf der Suche nach einer Wohnung in Berlin ist. Ja, der Berliner Wohnungsmarkt ist genau so schrecklich, wie alle immer sagen. Meine Freundin erzählt Schauergeschichten von mönchischen Kleinstklausen und beinahe lichtlosen Löchern, durch die Dutzende Interessenten geschleust werden, die eifrig die vom mürrischen Hausverwalter verteilten Bewerbungsbögen ausfüllen und hektisch mit ihren Schufa-, Mietschuldenfreiheits-, und Einkommensbescheinigungen winken. Die kleine Traumwohnung meiner Besuchsfreundin in meinem Kiez ist vermietet, ehe die zuständige Mitarbeiterin bei der Wohnungsbaugenossenschaft auch nur einmal ans Telefon gegangen ist.

Meine Freundin ist entmutigt.

Ich klopfe ihr tröstend auf die Schulter, finde noch eine Webseite mit noch ein paar halbseidenen Wohnungsangeboten („…schicken Sie uns Geld und sie erhalten den Schlüssel für eine Wohnungsbesichtigung…“) – aber vor allem freue ich mich über die für mich so seltene Erfahrung, eine ganze, alltägliche, mit Arbeit und Terminen vollgestopfte, normale Woche über nicht allein zu sein.

Von der Arbeit kommen, auf dem Balkon gemeinsam einen Kaffee trinken und vom Tag erzählen.

Mit den Kindern am Tisch sitzen und – wenigstens für drei Minuten, wenigstens bis sie uns unterbrechen, weil sie daran nicht gewöhnt sind – ein Erwachsenengespräch über Erwachsenenthemen führen.

Heimkommen und eine neue Packung Toilettenpapier vorfinden, ohne dass es mir überhaupt aufgefallen wäre, dass das alte fast aufgebraucht war. Frische Erdbeeren. Brot.

Wie schön das ist.

Wieder einmal wird mir bewusst, wie gut es mir tut – und wie sehr es mir im Grunde fehlt – nicht allein zu sein, nicht ununterbrochen allein verantwortlich zu sein, selbstverständliche, alltägliche, nicht planungs-, absprachen-, organisations- und eventbedürftige Zeit mit einem anderen Erwachsenen zu verbringen. Das war der Grund – jetzt fällt es mir wieder ein – aus dem ich schon manches Mal von Wohnprojekten, Alleinerziehenden-WGs oder einem Leben in der Nachbarschaft meiner Familie geträumt habe. Oder ganz schlicht von einer neuen Beziehung.

Nach einem Menschen, der heute da ist und morgen auch. Der da ist, wenn es mir schlecht geht – und immernoch, wenn ich mich wieder aufgerappelt habe. Und wenn ich glücklich bin. Und sogar noch übermorgen. Und nächste Woche. Nach selbstverständlicher Gemeinsamkeit – und ja: Alltäglichkeit. Obwohl ich an der Alltäglichkeit mit dem Vater meiner Kinder damals gescheitert bin. Obwohl Alltäglichkeit ein bisschen glanzlos ist – und wahrscheinlich bedeutet, sich irgendwann wieder nach Ausbrechen und Leidenschaft und Abenteuer zu sehnen.

Erst einmal kann ich mich ja mit dem Berliner Wohnungsmarkt trösten: Meine Besuchsfreundin hat noch keine Wohnung gefunden. Unsere nächste gemeinsame Woche ist also verabredet. Mich darauf zu freuen, macht das Alleinsein bis dahin schon mal freundlicher.

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4 Gedanken zu „Vom Alleinsein (II) … und vom Gemeinsamsein

  1. Susanne Haun

    Liebe Greta,
    ich erinnere mich noch gut, wie meine ersten Jahre alleine waren, mir ging es da wie dir.
    Tröstet es dich, dass „alle Dinge des Lebens“ selbst zu organisieren irgendwann so nach fünf Jahren eine Selbstverständlichkeit wird, über die man nicht mehr nachdenkt?
    Je älter deine Kinder werden, desto mehr Verantwortung übernehmen sie. Und wie wenig alleine du bist, wirst du erst merken, wenn deine Kinder ausziehen, in andere Städte und Länder studieren gehen und sich der Kontakt auf kurze Besuche reduziert.
    Dann, wenn dich die Stille der leeren Wohnung nach der Arbeit oder Morgens beim Aufstehen empfängt, die Stille, die nicht in einer oder zwei Wochen wieder durch die Kinder unterbrochen wird, dann hat dich die zweite Stufe der Einsamkeit erreicht.
    Ich drücke dich, Susanne

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    1. Greta Autor

      Liebe Susanne, ja, das mit der „zweiten Stufe der Einsamkeit“ kann ich mir vorstellen. Trotzdem hat diese Stufe dann auch wieder andere Gestaltungsmöglichkeiten… Ich bin ja auch jetzt nicht pausenlos ungern alleine, aber der Kontrast ist schon heftig: wie schön das ist, mal wieder ganz selbstverständlich eine Zeit lang nicht der einzige erwachsene Mensch zu sein… Liebe Grüße! Greta

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