Lissabon-Tagebuch (1): Losgehen ist schwer

Ganz objektiv betrachtet sollte es kein Problem sein, als Mutter zweier Kinder auch mal für eine knappe Woche allein zu verreisen. Aber wegzufahren, wenn der Chef im Büro bedenklich den Kopf wiegt, das eine Kind Kita-Verbot hat und diverse Arzttermine für beide Kinder anstehen – das ist, Urlaubsanspruch hin, Wechselmodell her – schwer.

Ich kann nicht wegfahren, denke ich am Abend vorher, ohne mich wird es hier nicht gehen.

Ich will meine Kinder nicht alleinlassen, denke ich in der Nacht, sie werden mir das übelnehmen und nur noch bei ihrem Papa sein wollen.

Ich Rabenmutter, denke ich am nächsten Morgen.

Und dann steige ich ins Flugzeug, zusammen mit meiner ganz großen Schwester… und schaffe es doch, mein schlechtes Gewissen zurückzulassen.

Lissabon. Unser Flieger dreht einen eleganten Bogen übers Meer und die Innenstadt, bevor er – dicht über den Dächern etwas heruntergekommener großer Wohnblocks – zur Landebahn schwebt. Vor dem Flughafen Palmen. Werbeplakate auf portugiesisch, fremde Worte, die ich sofort in mich aufsauge und leise im Mund hin- und herbewege und zu verstehen versuche. Am Flughafenbus weist der Kartenverkäufer uns ans Ende der Schlange, ach ja, das ordentliche Anstehen an den Haltestellen, davon haben wir im Reiseführer schon gelesen.

Die Hausnummer der kleinen Wohnung, die wir gemietet haben, gibt es nicht. Die fehlt einfach. Oh weh, im Internet gebucht, sind wir jetzt total geneppt worden? Der Besitzer des Ladens, der an der Stelle ist, an der unsere Hausnummer fehlt, nickt ergeben, wir sind nicht die ersten. Ein Fehler auf der Buchungsseite, wir müssen nur ein paar Schritte weitergehen. Unsere Gastgeberin empfängt uns herzlich. Drei Zimmer vermietet sie in ihrer Wohnung, wenn alle belegt sind, zieht sie zu ihrem Freund, so auch diese Woche. Ihre Wohnung – mitten in der Baixa, dem nach dem verheerenden Erdbeben 1755 schachbrettartig neu errichteten Viertel – geht auf eine belebte Straße hinaus, auf der Touristen flanieren, Straßenmusikanten auftreten und Cafébetreiber Stühle und Tische aufgestellt haben.

Leise wir das heute nacht aber nicht, denke ich mir, als ich den Kopf aus dem Hochschiebefenster strecke – nicht ganz frei von der Furcht, dass das schwere Fenster sich lösen und mich guilletonieren könnte. Denn ein wenig alt und lawede ist es, wie vieles hier in Lissabon, wie die ganze Wohnung mit dem Wasserschaden im Bad und den schiefen und knarrenden Balken und den Türen, die nicht wirklich schließen, sondern sich nur mit Hilfe improvisierter Schlösser an Ort und Stelle halten lassen. Aber das alles hat Charme. Ja, das da oben sind vielleicht Schimmelflecken, aber dafür stehen frische Blumen auf dem Waschbecken und die Kosmetika dürfen in stimmungsvollen alten Weinkisten abgestellt werden. Der Kühlschrank mag voller verrottender Gemüserester früherer Gäste sein (obendrauf – etwas makaber – die Schachtel eines französischen Lungenmedikamentes), aber dafür hängen an der Küchenwand leuchtendbunt ausgemalte Pappsardinen, die auf das große Fest des heiligen Antonius einstimmen, das Lissabon im Juni feiert. Der Deckenbalken über unserem Bett mag beängstigend durchhängen, aber er ist weiß gestrichen und die an ihm befestigte Lampe ist aus den Modeseiten alter Zeitungen gebastelt. Wäre dies unsere Wohnung auf Dauer, würden wir renovieren und putzen wollen (ach, wir hoffnungslos Deutschen) – aber als Ferienwohnung ist sie mit ihrem maroden Charme und der liebevoll improvisierten Ausstattung perfekt.

Abends machen wir unsere erste Erfahrung mit einer porugiesischen Speisekarte (Sandwich? Nao!) und einen Bummel zum Tejo, hinauf ins Bairro Alto und hügelab wieder in die Baixa. Schnell noch eine sms an die Kinder, dann ziehe ich vorsichtig an der auf allen Seiten sorgfältig festgesteckten Schicht aus Laken, Bettdecke und Überdecke, bis ich mich ordentlich darin einwickeln kann – Gute Nacht! Trotz der feuchtfröhlich lauten Touristen draußen auf der Straße, trotz der mächtig scheppernden Müllabfuhr und der anderen Wohnungsmieter, die irgendwann an unserem Zimmer vorbeipoltern, wird es eine.

Ich bin im Urlaub! Das ist großartig.

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5 Gedanken zu „Lissabon-Tagebuch (1): Losgehen ist schwer

  1. wildgans

    Toll finde ich das!
    Habe ich früher auch öfter gemacht und es hat den Kindern nie geschadet, im Gegenteil, wenn ich zurück war, gab es Entwicklungsschritte zu bestaunen. In Richtung Selbständigwerden…Loslassen, die große Kunst. Das pralle Leben genießen, jawohl!

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    1. Greta Autor

      Das wäre ohne Wechselmodell einfacher. Meine Reise war sooo lange geplant, dass sie leider auf einer Woche lag, in der die Kinder bei mir gewesen wären. Deshalb sehe ich die beiden drei Wochen lang kaum – nur an den Wochenenden – das ist schon wenig… Aber trotzdem: sehen, dass es außer dem eigenen KleinKlein noch eine große, schöne Welt gibt… das tut gut.

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