Lissabon-Tagebuch (2): Azujelos und Miraduros

Wir haben beschlossen, unseren ersten Tag in Lissabon im Fliesenmuseum zu beginnen. Der Bus (Day Ticket? Nao! Only single ticket!) bringt uns hin, eine alte Dame, die eben noch wüste Schimpftiraden mit einer jungen Mutter ausgetauscht hat, die ihr Kind anscheinend nicht genug unter Kontrolle hielt (wie leise und brav die Kinder hier sind, fällt mir immer wieder auf, dass das kleine Mädchen im Bus einen Fuß aufs Polster gesetzt hatte – wäre das hier in Deutschland ein Grund, die Mutter zu beschimpfen?), erklärt uns einen Moment später liebenswürdig auf Portugiesisch und mit Händen und Füßen den Weg vom Bus zum Museum.

Wenige Minuten später stehe ich in einem Raum voller maurischer Azulejos – großartigen farbigen Kacheln, einzelnen Stücken sowie einem meterhohen rekonstruierten Ensemble, vor das ich mich am liebsten hinsetzen und ein paar Stunden staunen möchte. Wie schön das ist: die leuchtenden Farben, die verschlungenen Formen, der Wechsel der Motive, die kunstvoll gestaltete Einfassung… Und was für eine Arbeit, all das herzustellen! – Weil ich das  laut sage, lacht eine britische Dame neben mir auf: „‚Arbeit‘, thats the only German word I know!“. Wie deprimierend.

Gotische und florale, textile und heraldische Fliesenmotive. Die Herstellungsarten werden anschaulich gezeigt und die wichtigsten Themen sind für Blinde aufgearbeitet – auf Fühltafeln werden die Farben besonders schöner Motive durch unterschiedliche Oberflächen dargestellt, das gefällt mir. Und dann sind wir im Reich der blau-weißen Fayencen, die so ziemlich alles zeigen, was den Menschen seit dem Aufkommen dieser neuen Technik des Fliesenbemalens wichtig war: Heiligendarstellungen und Jagdszenen. Gehörnte Faune und barbusige Drachenfrauen. Blumenvasen mit Schmetterlingen und Käfern, das berühmte Panorama der Stadt Lissabon vor dem Erdbeben und Fadistas mit ihren Gitarrenbegleitern. Wow. Das Museumscafe ist netterweise mit Darstellungen toter Hasen, Fische, Ferkel und anderer Jagdbeute gekachelt – und gefällt mir viel besser als der alte Prachtsaal des Klosters, in dem das Museum untergebracht ist, mannshoch blau-weiße Fliesen unter goldgeschnitztem Barockprunk, das passt irgendwie nicht, das sieht – in meinen Laienaugen – aus wie eine Mischung aus Großmutters Küche und Großvaters Wohnzimmer.

Ein Kaffee im schattigen Innenhof – dann gehen wir weiter. Hinaus in die Stadt, in der ich – nach diesem Auftakt – ganz besonders die vielen mit Azulejos verzierten Häuser sehen und bestaunen werde. Über den großen Friedhof mit den unendlich vielen Familien-Grabhäuschen, in denen die Särge in großen Regalen übereinander aufbewahrt werden. Durch die Gässchen des Altstadtviertels Alfama, in der gerade ein Straßenfest endet, auf Grillrosten die letzen Sardinen verbrutzeln, Stände auseinandergebaut werden, Nachbarn unter bunten Girladen auf einen letzten Schluck zusammensitzen. Einmal rund um die große Burg, hinauf zum ersten der vielen schöne Miraduros – Aussichtspunkte, die meine Schwester hartnäckig „Miranduros“ nennen wird, bis zum Ende unserer Reise – von dem aus wir Lissabon, den Tejo und die gegenüberliegenden Hügel im Abendlicht bewundern.

Leider, leider ist unser Hunger kleiner als der Mindestverzehr im Fado-Lokal. Aber als wir bei Wein und Brot in unserer Ferienwohnung sitzen und aus dem hinaufgeschobenen Fenster schauen – in die Fenster des Hostels gegenüber, hinauf zum Himmel und der im obersten Stock aufgehängten Wäsche, hinunter zum abendlichen Leben auf der Straße – ist das garnicht schlimm.

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