Müllers Lust im Mühlental

Wieder zurück in Berlin. Nein, im Büro herrscht kein Chaos, die Kollegen haben alles unter Kontrolle. Die Kita hat das Schreiben der Hautärztin – solange der Fünfjährige bekleidet ist und keinen „näheren Kontakt“ zu anderen Kindern hat, steckt er auch nicht an – akzeptiert, er darf wieder kommen. Mir fallen die vier, fünf Wochen bis zur Kita-Sommerschließzeit wie Steine vom Herzen. Und seine engagierten Erzieherinnen möchten meinen Sohn noch nicht mal von der anstehenden fünftägigen Kita-Fahrt ausschließen – und drücken mir ein Formular in die Hand, auf dem wir bitte einen Arzt vermerken lassen sollen, wie seine Dellwarzen zu behandeln sind. Wow. Die Erzieherinnen meines Sohnes sind die Besten, sagte ich das schon?

Ich verbringe zwei faule Tage mit meinen Söhnen auf einem Wasserspielplatz im Wald, bevor sie wieder zu ihrem Vater wechseln. Nichts spricht also dagegen, dass ich über Pfingsten nochmal spontan die Stadt verlasse und mit der Patentante des Neunjährigen, meiner Freundin, ein wenig wandere.

Blinde Flecken auf meiner inneren Brandenburg-Karte gibt es reichlich. Einer davon, iIrgendwo in der Nähe von Frankfurt: das Schlaubetal.

Tatsächlich gibt es da ein paar Berge, die bestimmt mindestens einhundert Meter Höhe über dem Meeresspiegel erreichen, dazwischen schlängelt sich ein Flüsschen, die Schlaube, grad mal zwanzig Kilometer lang, und fädelt kleine und größere Seen auf ihr Flüsschenbett auf. Die Quelle der Schlaube kann sicherlich niemand poetischer als Wikipedia beschreiben: „In den südlich des Wirchensees gelegenen Wirchenbergen entspringen zwei Quellen, kleine Rinnsale, die sich in den Wirchenwiesen vereinigen.“ Und warum sie in einem so hübschen Tälchen fließt, erfahre ich dort auch noch, nachdem ich mich lange genug an den Stabreimwirchen gefreut habe: „Das Schlaubetal entstand aus einer Schmelzwasserrinne unter dem Inlandeis vor etwa 21.000 Jahren in der Weichseleiszeit. Zahlreiche in der Rinne bleibende Toteisblöcke führten mit ihrem Ausschmelzen am Ende der Eiszeit zum Entstehen der Seenkette, die das heutige Schlaubetal prägt.“ Ach so.

Findige Erholungsgebietsexperten haben das schöne kleine Flußtal mit einem „Qualitätswanderweg“ ausgestattet, findige Nahverkehrsexperten eine kleine Wochenend-Ausflugsbuslinie hinzugefügt. Also lässt die Schlaube sich von Berlin aus einigermaßen erreichen, und der Qualitätswanderweg – dessen Hauptmerkmal die Beschilderung mit einem großen, deutlichen „S“ an etwa jedem dritten Baum ist – lässt sogar mich die Furcht davor verlieren, irgendwo in die Irre zu gehen.

Schattig und abwechslungsreich liegt der Weg vor uns. Durch brandenburger Kiefernwald, in dem schon die ersten Blaubeeren reif werden; durch den typishen Erlenbruchwald verlandender Seen, entlang des Flüsschens von einer alten Mühle zur anderen. Wir erklimmen die kleinen Jakobs-Berge, schwarze und silbrige Schlangen rascheln, erschreckt von unseren Schritten, ins Gebüsch; kleine braune Frösche hüpfen über den Weg. Im See schlagen große Fische – oder ein fünfschwänziges Ungeheuer? – mächtig und synchron mit den Schwanzflossen. Ein Specht hackt dröhnend laut auf einen Baum ein.

Im Waldhotel am Wirchensee sind am Pfingstsonntagabend außer uns fast nur Paare zu Gast, die so etwas wie ein romantisches Pfingsten hier verbringen. Beim Abendessen auf der Terasse zum See dichten wir ihnen Geschichten an. Einen noch nicht ganz ausgestandenen Seitensprung. Neue Liebe im Alter. Die erste gemeinsame Nacht mit der Internetbekanntschaft. Eine kleine festliche Auszeit in einem beschaulicher Lebensabend. Für andere als romantische Übernachtungen ist das Hotel im Frühsommer auch denkbar ungeeignet – Mückenschwärme treiben uns schon am frühen Abend aufs Zimmer; der kurze Moment auf der überdachten Terasse vor der kleinen Sauna zum See, von deren Dachbalken sich mehrere riesige Kreuzspinnen gleichzeitig abseilen, bringt mir trotz der Netze, an denen sie eifrig zu weben scheinen, fast 50 Stiche ein, die noch tagelang entsetzlich jucken werden. Auch sonst ist Wandern im Juni für mich nicht ganz risikolos: So lecker das Frühstücksbuffet auch ist – über meinem Müsli mit Nüssen und Cranberries bringen die rings um die Terasse wogenden blühenden Gräser meine Nase beinahe zum Explodieren (vielleicht ist es auch die Strafe für Lästereien über romantische Paare in Waldhotels, kann schon sein).

Meine Füße tun von gestern noch weh. Sicherheitshalber lassen wir uns eine Taxirufnummer aus Neuzelle geben. Und dann wandern wir weiter – heute nicht mehr im Schlaubetal, sondern entlang – so das Internet – des „Mühlenwanderweges“ nach Neuzelle.  Erst einmal verläuft der entlang der Straßen auf dem asphaltierten Rad- und Wanderweg, Schatten gibt es kaum. Die Feldraine mit ihrer Vielzahl rosa- und lilafarbiger Blumen sind lieblich – wenn ich ein Smartfon hätte, würde ich jetzt sofort eine Lila-Wegesrand-Blumen-App haben wollen, um sie alle zu bestimmen. Aber den Abzweig zum schöneren Teil unseres Mühlenweges finden wir nicht, was im Schlaubetal an Schildern zu viel war, wurde hier eingespart. Also folgen wir weiter der Straße, bis wir Neuzelle erreichen, hintenrum übers Gewerbegebiet, na gut, auch das gehört zum Wandern. Wir belohnen uns – völlig fertig, zum Glück hören wir die Hitzewarnungen erst später, zu Hause – mit Eiskaffee und Saft.

Fühle mich am nächsten Tag wie die kleine Meerjungfrau auf ihren Menschenbeinen: Messerstiche bei jedem Schritt, kann man wirklich Muskelkater im Schienbein haben?

Wir haben an zwei Tagen insgesamt 30 km zurückgelegt. Im Jakobswegführer, in dem ich manchmal sehnsüchtig herumblättere, ist das – trotz der dortigen Temperaturen, Gewerbegebiete und Insektenplagen – das übliche Tagespensum. Ich drücke vorsichtig auf der schrecklichen Blase unter meinem Ballen herum und stelle das Buch ganz leise zurück ins Regal. Erst mal.

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Ein Gedanke zu „Müllers Lust im Mühlental

  1. Britta

    Huhu,

    nur kurz – Muskelkater im Schienbein ist sehr typisch, wenn man sich übernommen hat. Der erfahrene Jogger kann auch ein Lied (eher: viele Strophen vieler Lieder ) davon singen.
    Manchmal überkommt es einen, weil‘ s so schön ist und man hört nicht rechtzeitig auf.

    LG,
    Britta

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