In Zeitlupe fallen

Für uns ist die Fußball-Weltmeisterschaft jetzt eigentlich schon vorbei.

Nicht, weil uns das Finale am Sonntag nicht interessieren würde; nicht, weil wir uns nicht über einen WM-Sieg der deutschen Mannschaft freuen würden – sondern weil der Vater meiner Kinder, der weniger fußballbegeistert ist als ich und sehr, sehr viel weniger fußballbegeistert als der Fünfjährige und der Neunjährige, ausgerechnet am 13. mit den beiden und der Hinterhoffreundin und dem Kind der Hinterhoffreundin in einen kleinen Patchworkurlaub fährt. Dreimal darf geraten werden, warum ausgerechnet in Woche mit Anreisetag 13.7. noch ein Häuschen im Nirgendwo (ohne Fernsehanschluss) zu mieten war, so kurzfristig?

Auch wenn ich mir das Endspiel noch ansehe, mit Freunden, irgendwo draußen: es wird nicht dasselbe sein.

Nicht dasselbe wie auf meinem halb ausgeklappten Sofa, mit einem Teller voller Brote auf einem Stuhl daneben und dem Laptop auf einem Kistenstapel davor, meinen kuschelnden oder hampelnden oder Anfeuerungsrufe ausstoßenden Kindern neben mir…

„Unsere“ WM war schön.

Zum ersten Mal war der Fünfjährige an Fußball interessiert. „Da sind die besten Griecher und Kolumber!“ sagte er andächtig beim ersten 18-Uhr-Spiel, das wir sahen. Ab dem zweiten Mal schon war er mehr auf Action aus: „Wann kommen endlich wieder Verletzte?“ – um in den späteren Spielen, zäh und ohne viele Tore, irgendwann in der zweiten Halbzeit zum Spielen davonzuschleichen. Oder auf meinem Schoß einzuschlafen.

Der Neunjährige hielt natürlich durch. Begrüßte jedes Tor der von ihm favorisierten Mannschaften (und am meisten Deutschland) mit schrillen Schreien, brachte seinem kleinen Bruder die besten Anfeuerungssprüche bei, hielt begeistert die Fußballerkarten hoch, wenn Spieler am Ball waren, die meine Söhne in ihrem unerschöpflichen Kartenfundus haben.

Dazwischen unser Dauerwitz zum WM-Logo am Anfang und Ende der Rückblenden: Da kommt der gelbe Gummihandschuh schon wieder!

Besonders gut fanden wir auch die Halbzeitpausen. Mamma, stell schnell den Ton aus, die lustige Werbung fängt an! Ob wir die stumme Rede eines Werbemannes mit lauten „Blabla“ unterlegten, uns überlegten, was der Engel mit den großen Flügeln wohl den Rockern und den Fußballmamas erzählen würde, nachdem alle miteinander in ein Auto eingestiegen waren, oder über die hüftenschwenkenden Fußballfans in den Werbespots lachten – die Pause war beinahe so schön wie das allerschönste Tor in der Halbzeit davor oder danach.

Aber das allerbeste… waren die Vorahnungen. Wir konnten Tore vorhersagen! Jedenfalls die der deutschen Mannschaft. Warum der Livestream im Internet der Fernsehübertragung hinterherhinkt, kann ich nicht erklären. Aber zuverlässig böllerten unsere Nachbarn ungefähr zwei oder drei Minuten, bevor wir das Tor fallen sahen – dessen Vorbereitung wir mit atemloser Spannung genau verfolgen konnten. Juhuuu!

Dem Neunjährigen, der am 8. Juli ein feines Zeugnis nach Hause bringt und mich mit großen, bittenden Augen ansieht, kann ich es am Ende natürlich nicht abschlagen, das Halbfinalspiel der Deutschen gegen Brasilien doch ansehen zu dürfen. Baue also auf dem Sofa ein Bett für meinen Sohn. Zähne putzen, Schlafanzug an – und dann kuscheln wir uns vors Laptop. Was für ein Spiel! Den Nachbarn gehen nach dem dritten Tor die Böller aus, das vierte und fünfte überraschen uns also dann doch wieder einmal. Der Neunjährige schreit vor Freude so laut, dass ich fürchte, der Fünfjährige könnte nebenan aufwachen. Ich sehe die weinenden brasilianischen Fans und möchte die Hände vors Gesicht schlagen – ich mag eigentlich nur Spiele zwischen ungefähr gleich starken Gegnern, knappe Siege, am liebsten für die theoretisch unterlegene Mannschaft… Aber gut, heute eben nicht. In der Halbzeitpause fallen mir die Augen zum ersten Mal zu. Dem Neunjährigen kurz danach, und dann liegen wir da, schlafend, beide, während noch drei Tore mehr geschossen werden und die Gesänge der Fans in unsere Träume sickern.

Nein, es wird nicht dasselbe sein, ohne meine Kinder das Endspiel dieser WM anzusehen.

Und überhaupt wird es seltsam sein, wenn diese fußballintensive Zeit zu Ende ist. Ich habe mich so daran gewöhnt: an die Autos mit ihren flatternden Fähnchen und Seitenspielgelbezügen und Kühlerhaubenbezügen; an die sechs Quadratmeter große schwarz-rot-goldene Flagge, mit der die Nachbarn ihre Fenster zur Straßenseite verhängt haben und die sich nun schon so viele Wochen lang würdevoll und malerisch im Wind bläht… Und die vielen, vielen Zeitlupensequenzen fallender Fußballer werden mir auch fehlen, irgendwie.

 

 

 

 

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2 Gedanken zu „In Zeitlupe fallen

  1. guinness44

    Es ist vielleicht nicht so wie Du es geplant hast, aber stell Dir vor, was Du machst, wenn sie tatsächlich Weltmeister werden und Du einfach so die Nacht durchfeiern kannst. 1990 warst Du wahrscheinlich zu jung. Wenn man wieder 24 Jahre warten muss, bist Du vielleicht zu alt, oder passt auf die Enkel auf. Am Sonntag kannst Du feiern, als ob Du 18 wärst. (Falls die Argentinier nichts dagegen haben).

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    1. Greta Autor

      1990 hätte ich das mit dem Durchfeiern vielleicht hinbekommen. Aber das Prinzip ist schon richtig: die Kinder verreisen, und ich freue mich auch auf diese Zeit und werde bestimmt ganz unternehmungslustig. Jedenfalls in den früheren Abendstunden…

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