Das Balkongartentagebuch: Brehms Tierleben

Wenn meine Kinder in diesen Sommerwochen bei ihrem Vater sind, frühstücke ich vor der Arbeit auf dem Balkon. Wenn ich ganz stillsitze, lassen die Bienen sich nicht dabei stören, zwischen den Bohnen, dem in Blüte geschossenen Salat und den Winden hin- und herzufliegen, wählerisch mal hier, mal da eine Blüte zu besuchen und dann weiterzuziehen, zu den Balkons neben oder unter oder über meinem. Der Hummel ist es sowieso egal, ob ich ihr zuschaue, wenn sie ihren Pelz in der gelben Zucchiniblüte (auch sie beherrscht das Bienchen-und-Blümchen-Spiel) über und über mit Pollen einmatzt.

Am Wochenende beim Mittagessen beobachten wir einen weißen Schmetterling, der sich für ein paar Momente auf der Kapuzinerkresse niederlässt, nervös auffliegt, eine Runde um den Balkon dreht, wiederkommt, sich nochmal hinsetzt, wieder auffliegt und schließlich von einem Windstoß davongetrieben wird.

Später als im letzten Jahr haben uns die grauen Rucolaläuse gefunden, aber jetzt sind sie angekommen, keiner weiß, woher. Auf dem Pflücksalat saßen ihre schwarzen Vettern, wahrscheinlich dieselben, die auch die Kapuzinerkresse so mögen – so sehr, dass ich immer wieder Blätter und Triebe abschneiden muss.

Als ich mal wieder kontrolliere, wie sehr ihre Population sich in den letzten Tagen vergrößert hat, entdecke ich noch mehr Tiere. Eine grüne Raupe – zwei Zentimeter lang, gut Kapuzinerkresseblätterfarbig getarnt – sitzt da oben auf einem Stängel und genießt sichtlich den lauen Morgen. Beim Näherkommen entdecke ich entsetzt, dass etliche Blätter Löcher haben oder gar halb aufgefressen sind. Und da – oh nein! – sind noch mehr Raupen: kleine, dünne, graue, mehrere gleich auf einem einzigen, hübschen, frischen Blatt. Irgendwie wird mir das jetzt doch eklig. Selbst wenn – meine rationaleren Anteile sprechen meinen irrationaleren Anteilen tapfer Mut zu – Eichenprozessionsspinner bestimmt nicht auf Kapuzinerkresse ausweichen. Oder?

Erst mal flüchte ich doch lieber ins Haus. Als ich später wiederkomme, mit der großen Gartenschere bewaffnet, ist das grüne Blatt restlos verschwunden, und die Raupen – die grünen wie die grauen – haben sich vor der Hitze und vor mir und der Schere irgendwo im Schatten versteckt.

Ob der Schmetterling, der hübsche, weiße, neulich nicht nur hier gesessen und schön ausgesehen, sondern auch Eier hinterlassen hat? Sollte ich die Raupen einfach leben lassen? Aus den grünen – verrät Google – könnten Kleine Kohlweisslinge werden. Aus den grauen Große Kohlweisslinge.

Aber wenn sie in dem Tempo weiterfressen, wird meine arme Kapuzinerkresse nicht ausreichen, um sie alle zu ernähren, bis sie sich verpuppen. Und wer weiß, worauf Raupe Nimmersatt und ihre Schwestern als nächstes Appetit bekommen? Mit einem angemessen schlechten Gewissen knipse ich am nächsten Morgen die Blätter, auf denen die Raupen gerade ihr Frühstück einnehmen, eins nach dem anderen ab – und lasse sie in den Hinterhof segeln. Das ist eine faire Chance, oder? Nur eine Raupe darf bleiben, eine von den grünen. Die hat so traurige Augen.

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