Gesehen, gelesen, gehört und gespielt… im Juli

Scarlett Thomas‘ Roman „Bright Young Things“ wurde nach seinem Erscheinen häufig in einem Zusammenhang mit Reality-TV-Formaten wie „Big Brother“ rezipiert. Geschrieben hat die Autorin ihn, so geht es aus ihrem eigenen Vorwort zu meiner späteren Auflage des Buches hervor, jedoch bevor derartige Sendungen ins Fernsehen kamen. Das Setting ist einfach: Sechs Leute, die aus einer großen Menge an Bewerbern auf eine skurile Stellenanzeige ausgewählt wurden, finden sich auf einer einsamen Insel wieder. Wie gehen junge Leute um die Jahrtausendwende mit dieser Situation um? Leben wir in einer Welt, in der sie schon mit Anfang 20 eine „Überdosis“ an Sorgen – um die Welt und sich und die Zukunft – abbekommen haben? Verfügen junge, gebildete Großstädter noch über die Fähigkeiten, als Robinsons zu überleben oder auch: aus einer ausweglosen Lage zu entkommen? Können wir Menschen der Postmoderne noch irgendetwas als „real“ wahrnehmen – oder ist alles schon Zitat, sogar unser eigenes Leben? Spannende, große Fragen.

„100 Beste Plakate“ – die Sieger des gleichnamigen, jährlichen Wettbewerbes sind derzeit im Foyer des Berliner Kulturforums am Potsdamer Platz ausgestellt. Klein und fein – und kühl in der Berliner Sommerhitze – wird dieses El-Dorado für Grafik-Designer im Untergeschoss des großen Museumsbaus präsentiert. Was gilt heute als „bestes“ Plakat? Mit dieser Laienfrage gehe ich in die Ausstellung. Und entdecke: Viel, viel durcheinanderiges Kribbelkrabbel. Schöne Spiele mit großen Lettern. Knallige Kontrastfarben. Plakatserien, die mit Farben und Motiven experimentieren. Vielleicht am schönsten: die Kino-Programmplakate einer Hochschule für angewandte Kunst, gedruckt auf verschiedenen Stoffen, edel und schlicht.

Ein neues Spiel im Schrank: „Concept“ – und erst einmal bin ich misstrauisch. Vorgegebene Begriffe sind in diesem Spiel durch das Setzen logischer Zusammenhangsmarker auf Piktogramme zu erläutern, die „Konzepte“ darstellen. Kann das wirklich sein, dass man die ganze Welt (oder jedenfalls die halbe) mit Hilfe von nicht mehr als 40 oder 50 Piktogrammen erklären kann? Meine Besuchsfreundin ist bereit, zu testen. Und siehe da: Unsere Versuche („Rechtsanwalt“ z.B. ist „Mann/Frau“, „Beruf“, „grau“, „Staatsmacht“, Geld“ und „Gefängnis“) reichen zwar nicht immer, um richtig zu raten – aber lustig genug für einen langen Abend ist es doch, mit der gedanklichen Zusammensetzung von Begriffen herumzuexperimentieren.

Nach Neil Gaimans Roman „Niemalsland“ habe ich gegriffen, weil ich Terry Pratchett schätze und ich mir nach dem Lesen einiger Bewertungen vorstellen konnte, dass Gaimans Roman auf ähnliche Weise mit der Welt der Sagen und Legenden spielen würde – in diesem Fall angesiedelt in einem „Unter-London“, in das ein biederer Büroangestellter gerät, als er einem von dort stammenden Mädchen hilft – und danach für die „normale“ Welt nicht mehr existiert. Aber überzeugt hat mich das Buch nicht: Die Anderswelt unter London wird nur angerissen und bleibt blass und unscharf, seine Figuren zeichnet der Autor bei weitem nicht mit dem liebevollen Schalk, der Terry Pratchett auch noch beim Fabulieren über Mörder und Monster im Nacken sitzt, und die Handlung habe ich mit nur mittelmäßigem Interesse verfolgt. Irgendetwas fehlt, obwohl die Zutaten für eine gute Geschichte alle in diesem Buch verarbeitet sind. Schade.

Und ein Buchgeschenk: „Das Lavendelzimmer“ von Nina George. So ein Wohlfühlbuch über eine große Frage: Wie kann man ins Leben zurückkehren nach dem Verlust einer ganz (ganz ganz) großen Liebe? Wie aufarbeiten und heilen und einen neuen Menschen ins Herz schließen? – So weit, so gut. Aber ach: Sooo viele Adjektive! (Scarlett Thomas macht mit ihren Schriftstellerschülern eine Übung, bei der alle Wörter bei einer „Wörterbank“ „gekauft“ werden müssen – Adverbien und Adjektive zum Höchstpreis. Dieses Buch wäre schweineteuer gewesen,,,) Sooo viel südfranzösische Landschaft! Ich würde dieselbe Geschichtenkonstellation gern mal lesen, wenn sie mit Personen besetzt wäre, die nicht einfach davonlaufen können, sondern sich weiter um ihren ganzen Kleinkram (Haushalt, Kinder, Broterwerb) kümmern müssen. Dafür gern mit weniger Adjektiven und Landschaft. Frau George? Wie wärs?

Mehr von Mark Haddon: „A Spot of Bother“ – große Familiengeschichte um eine Hochzeit, von der alle glauben, dass sie falsch ist, und einen Vater, der langsam den Verstand verliert. Wie macht der Autor das, sich in so viele verschiedene Hauptpersonen – vier sind es in diesem Buch, Mutter, Vater, Tochter und Sohn – hineinzuversetzen, und in so außergewöhnliche noch dazu: in den Vater mit seinen immer heftigeren Anfällen von Verwirrtheit; oder – in seinem anderen Buch – in einen autistischen Jungen? Von Mark Haddon möchte ich noch viel, viel mehr lesen.

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