Wegwerfgesellschaft

Schuhe sind ein heikles Thema bei uns. Kaum eine Woche, in der nicht ein Gummistiefel undicht, eine Sandale zu klein oder ein Turnvereinschläppchen löcherig wird; ein Hausschuh in der Kita vorne ein klaffendes Maul bekommt wie ein Wal oder ein Paar Turnschuhe in irgendeinem schwarzen Loch verschwindet. Dass die Kinderschuhläden in unserem Kiez beide in den letzen Jahren zugemacht haben, liegt nicht an uns, ehrlich!

Wenigstens ich möchte nicht ständig neue Schuhe kaufen. Und ärgere mich besonders, dass mein neues Paar Lieblingsstiefelchen schon nach einem reichlichen halben Jahr kaputtgeht. Der Absatz reißt an einer Kante auf und hat innerhalb eines einzigen Tages seine ganze Füllung verloren, ohne dass ich es auch nur merke. Ja, das darf hier ruhig stehen, wer so schöne und gleichzeitig so wenig haltbare Schuhe macht: Hush Puppies heißt die Marke.

Also ziehe ich – mit gemischten Gefühlen, ich ahne schon, was da kommt, seit ich so etwas mal beim Schlüssel- und Absatzdienst meines Vertrauens probiert habe, der sonst immer alles repariert, was ich ihm bringe – in den Kampf gegen die Wegwerfgesellschaft. Heute lieber gleich zu einem echten Schuhmacher. Schaun sie mal, der Absatz… können Sie mir den vielleicht reparieren? Der nette Schuhmachergeselle guckt ratlos und holt den Meister. Da steht er vor mir, Typ kahlgeschorener Muskelmann (aber dann doch nicht so nett wie Meister Proper) – und schimpft los: Das liegt doch bloß daran, dass die heute nur noch Saisonware herstellen! Das sind alles Kunststoffe, die UVA-empfindlich sind und deshalb so schnell kaputtgehen!

Wieso ist er eigentlich so sauer – und vor allem: Wieso auf mich? Schließlich bringe ich ihm doch Arbeit? „Das kostet mindestens 50 Euro, vielleicht sogar mehr, wenn ich Ihnen den Absatz neu aufbaue!“ Lust darauf hat er – das ist an seinem Tonfall deutlich zu merken – jedenfalls nicht. Mit einem vagen „da denk ich nochmal drüber nach“ schleiche ich besiegt aus dem Laden.

Was jetzt? Doch in den Müll, die eigentlich schönen Schuhe? Drei Tage Urlaub nehmen und einen Schuhmacher finden, der schon mal was von Nachhaltigkeit gehört hat und gerne was repariert? Notfalltropfen nehmen, zurückgehen und den Preis für ein neues Paar ganz-schnell-kaputt-Schuhe für die Reparatur des alten bezahlen?

Seit ich neulich meinen ökologischen Fußabdruck berechnet habe, leuchtet mir das wieder ganz besonders ein, dass man Dinge lieber reparieren als wegschmeißen sollte. In der Theorie klingt das ja auch gut, ab ins Reparaturcafé und simsalabim – alles wieder heile. In der Praxis sollte man vielleicht damit rechnen, erst mal für mehr als nur ein bisschen sonderbar gehalten zu werden, wenn man versucht, irgendwo außerhalb einer solchen Oase der Widerständigen gegen den Wegwerfstrom zu schwimmen.

A propos: Kann vielleicht irgendjemand von Euch neue Absätze an Schuhe zaubern?

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2 Gedanken zu „Wegwerfgesellschaft

  1. wildgans

    Was für ein ignoranter, unaufgeschlossener Schuhmachermeister, echt.
    Aber Dich finde ich so klasse, wie Du das alles organisiert kriegst mit den beiden Jungs- und überhaupt 🙂
    Und dann noch so prima drüber schreibst und Wahrheiten sind dabei, kein Sonnenscheinfrauchen, sondern „wie es eben so ist“…

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