Mittagspause in Wilmersdorf

Wegen meiner kaputten Schuhe verbringe ich die Mittagspause heute in Wilmersdorf.

Hier ist die Welt irgendwie noch heile.

Die nette alte Dame lächelt mich freundlich an, als ich nach dem Weg zum Schuhmacher frage, und natürlich kennt sie den Weg auch.

Der Schuhmachermeister – graubärtig wie aus dem Märchenbuch – erklärt sich bereit, mir meine Lieblingsstiefelchen zu reparieren, noch dazu für die Hälfte dessen, was der Schuhmacher in meinem Kiez mir augenrollend als absoluten Mindestpreis genannt hat.

In den Kleingärten leuchten die Blumen.

Auf der anderen Seite der Kleingartenanlagen liegt der Rüdesheimer Platz. Hier setze ich mich mit einem Brötchen auf eine Bank.

Vor mir der üppig blühende Platz, der sicherlich von allen Plätzen Berlins am häufigsten und herrlichsten bepflanzt wird. Ein Grüppchen rüstige Damen hat seine Rollwägelchen geparkt, Klapphocker und Malutensilien herausgeholt und macht sich unter Anleitung einer jungen Frau an die künstlerische Würdigung der Blumenpracht.

Rechts führen Stufen zum erhöhten vorderen Teil des Platzes, auf dem der Betreiber des „Weinfestes“ seine Tische und Bänke abwischt. Eine Brunnenanlage trennt den oberen und unteren Teil des Platzes voneinander, überragt von einem Helden aus Stein, der ein feuriges Ross zügelt, blank und frisch in der Sonne nach seiner Generalüberholung hinter den Planen eines Baugerüstes, das Gesicht den malenden Damen im unteren, den nackten Po den Weinfestbesuchern im oberen Teil des Parks zugewandt. Leichtbekleidete steinerne Weibsbilder schauen ihn vom rechten und linken Rand der Brunnenanlage bewundernd an.

Die Parkspatzen drängeln nicht nach meinen Brötchenkrümeln (wahrscheinlich würden sie auch „Brosamen“ dazu sagen), sondern warten im Hintergrund, bis ich von meiner Bank aufgestanden und weitergegangen bin.

Die Kinderstimmen vom Spielplatz am entfernteren Ende des Platzes verschmelzen harmonisch mit dem Plätschern des Springbrunnens. Prächtige gelbgetünchte Altbauten umstehen den Platz; vorn an der Ecke der Bioladen, gegenüber das Reformhaus; Apotheke, Hörgerätetechniker und Optiker, Wäscherei und Bäcker, alles da; feine Pralinen und edle Schuhe gibt es zu kaufen, neben einem der herrschaftlichen Treppenaufgänge hat ein Psychoanalytiker sein Schild angebracht.

Wilmersdorfs schönes Herz – hier schlägt es…

Und obwohl das alles jetzt beinahe spöttisch klang: Ich fühle mich wohl.

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5 Gedanken zu „Mittagspause in Wilmersdorf

  1. guinness44

    Da merkt man wie man älter wird, wenn einem die Spießigkeit gefällt. Ein Freund, Anfang 30, lebt sein ganzes Leben schon in Wilmersdorf. Auf die Frage ob er auch in andere Stadtteile ziehen würde meinte er, dass er sich das theoretisch vorstellen kann, aber realistisch wahrscheinlich nie machen würde.

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    1. Greta Autor

      Na zum Glück gefällts mir auch noch in Kreuzberg… Aber wer in der Wilmersdorfer Idylle lebt, der mag wahrscheinlich nirgendwoandershin. Es ist ja auch was Schönes, wenn es wo „schön“ ist…

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  2. Marie

    Wozu eigentlich diese ängstliche Einteilung in vermeintlich spießige und unspießige Stadtviertel, anstatt sich einfach zu fragen: Wo fühle ich mich wohl und möchte ich gerne leben…?

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    1. Greta Autor

      Hm, wenn ich über Berlin schreibe, dann beschreibe ich, was ich wahrnehme, egal ob in Kreuzberg oder Wilmersdorf. Das unterscheidet sich halt, für mich hat das nichts mit einer „ängstlichen Einteilung“ zu tun. (Wer hat da Angst – und wovor?)

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  3. tikerscherk

    Ich liebe mein Kreuzberg, bin hier schon ewig Zuhause, aber fühle mich in Wilmersdorf, Charlottenburg und Schöneberg oft sehr wohl. Da geht es einfach netter und langsamer zu. Weniger großstädtisch. Kann Dich gut verstehen, dass es Dir dort gefällt.

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