Viele kleine Schritte (2): Im Abenteuerträumeladen

Weil Schuhe kaufen leichter ist, als meinen Chef um einen Monat unbezahlten Urlaub zu bitten, mache ich mich auf den Weg zu einem Outdoor-Ausstatter. Andächtig schiebe ich die Türen zum Reich der Abenteuerträume auf: Hallen voller blitzender Trinkflaschen, bunter Wanderkarten, leuchtender Funktionskleidung, prall ausgestopfter Wanderrucksäcke, nüchtern-brauner Schuhe und wohldurchdachter Outdoor-Must-Haves, deren Notwendigkeit mir im Leben nicht in den Sinn gekommen wäre.

Zwischen den Regalen bärtige Männer, aus deren T-Shirts und Shorts muskulköse Arme und Beine ragen und die es sicherlich jederzeit mit Wüsten, Bären und Hagelstürmen aufnehmen können. Und sehnige Frauen mit Pferdeschwänzen, die wahrscheinlich alle schon den Himalaja bestiegen haben.

Ich komme mir sofort noch weniger fit und sportlich vor, als ich sowieso schon bin.

Aber der Outdoor-Wuschelkopf-Verkäufer, der auf mich zukommt, wie ich da vorm Regal stehe, zwei klobige linke Wanderschuhe in der Hand, ist ganz freundlich zu mir.

Er guckt nicht verächtlich, als ich sage, dass ich noch nie im Leben Wanderschuhe hatte und meine Wanderschuhgröße deshalb nicht weiß.

Er lacht mich nicht aus, als ich erzähle, dass ich die Schuhe für den Jakobsweg brauche.

Und er lässt mich nicht zwischen den Schuhkartons sitzen, als ein älterer Herr mit einem Ich-besteige-auch-Achttausender-Selbstbewusstsein unser Verkaufsgespräch mit irgendeiner gewichtigen Outdoor-Fachfrage unterbricht, sondern bittet den Unterbrecher, doch mal eben zu warten.

Ich verliebe mich sofort in ein Paar Schuhe. Sie sind bequem. Und sie haben so einen schönen Namen! Und dann kann ich sogar mit Fachwissen punkten, weil ich bei unseren sommerlichen Wanderungen über die Wandersocken des liebsten Freundes erst gelacht und dann gestaunt habe und daher schon weiß, dass man Wanderschuhe nicht durch das Tragen beliebiger Socken aus den Tiefen des Kleiderschrankes entweihen darf.

Der Verkäufer gibt mir gleich die ersten Pilgertipps: Die Füße jeden Morgen gründlich mit Frubiose einreiben. Und täglich eine Tablette Hirschtalg in Wasser auflösen und trinken (…oder hab ich da jetzt irgendwas durcheinandergebracht?) – und den Rucksack lieber größer kaufen, damit er sich besser packt, und nochmal wiederkommen und ein kostenloses Wachs für die Schuhe abholen, das gerade leider aus ist.

Oh, nochmal wiederkommen also. Mir schwant sowieso, dass ich das tun werde, um tausendundeinen Ausstattungsgegenstand zu erwerben, den die Traumverwirklichungsindustrie ersonnen hat, um das Traumverwirklichen ein bisschen einfacher und schöner zu machen. Und teurer.

Mein Schuhkarton wird an der Kasse mit ein bisschen „Tape“ zugeklebt, auf dem natürlich  „Träume leben“ steht. Mit dem Karton unter dem Arm fühle ich mich gleich ganz anders.

Als hätte ich den Himalaya auch schon – fast – bestiegen.

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2 Gedanken zu „Viele kleine Schritte (2): Im Abenteuerträumeladen

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