Erste Schulwoche

Der Schuljahresanfang ist für mich immer ein echter Jahresanfang – beinahe mehr als Silverster. Alles beginnt wieder. Geht weiter, wird anders, wird leichter oder schwerer, wird neu.

Nach beinahe sieben langen, herrlichen Wochen wieder vor sechs aufstehen. Das Katergefühl gibts gratis dazu, ohne das Trinken am Vorabend – einfach wegen der frühen Stunde. Vier Vesperdosen vorbereiten. Die Kinder, die noch am Tag vorher um sechs zu schwatzen angefangen haben, schlafen tief und fest und müssen geweckt werden.

Pünktlich los, mit dem neuen Schulranzen, der ungefähr drei Tonnen Bücher enthält, mit der Riesentüte mit den Utensilien für den Kunstunterricht, dem Sportzeug, den Hausschuhen… Kinder-Eltern-Gewusel in der Klasse, jedes Kind muss – wie schon im letzten Schuljahr immer montags – eine Nummer ziehen und damit den Platz bestimmen, an dem es in dieser Woche sitzen wird. Tschüss, sagt der Neunjährige, in Gedanken schon woanders.

Vorschulstolz geht der Fünfjährige in die Kita. Seine Dellwarzen, die wir nun mehrere Monate lang mit Schöllkraut traktiert haben, heilen allmählich ab – noch ein, zwei Wochen, dann stellt uns eine nette Hautärztin vielleicht eine Unbedenklichkeitserklärung fürs Schwimmbad aus – aber da unsere Schwimmhalle plötzlich von einem Verein übernommen worden ist, ist unklar, ob und wann der Kita-Schwimmunterricht überhaupt wieder anfangen kann.

Die Bahn fällt gleich mal aus. „Wegen Verzögerungen im Betriebsablauf“, tönt honigsüß die Ansagestimme der Berliner S-Bahn aus der Konserve. Damit möchte ich mich auch mal rausreden können.

Die nächsten Monate:

Zittern und zagen, ob der Anwalt, den ich beauftragt habe, mich mit einem Flammenschwert aus den Forderungen des Jobcenters raushaut – oder ob ich zukünftig Unterhalt zahlen muss und durch das Wechselmodell am Ende auch noch in der Armutsfalle lande, wo schon so viele Alleinerziehende sitzen und verzweifelt strampeln wie Frösche im Sahnekrug (aber es ist bloß verdünnte Milch drin, nicht wahr?).

Nun doch eine theapeutische Begleitung für den Neunjährigen. Das nagende Gefühl, irgendwas ganz grundsätzlich und von Anfang an falsch gemacht zu haben, mich schämen zu müssen. (Nein, sagt der erwachsenere Teil von mir, mein Kind hat mehr mitgemacht als andere in seinem Alter. Es braucht Hilfe und ich sorge dafür, dass es sie bekommt. Meine Gefühle dabei sind irgendwie egal. Ende der Durchsage.)

Sportverein und Physiotherapie. Die ersten Elternabende, schon im Kalender – und die nie abreißende, ermüdende Flut von Absprachen mit dem Vater meiner Kinder.

Es wird nicht sehr viel Platz für all das bleiben, was auch noch schön wäre. Das mit der Solawi (was für eine tolle Idee, einen Bauern in der Region für eine Gruppe Menschen wirtschaften zu lassen, die seine Ernte unter sich teilen und ihm ein vorher festgelegtes, ausreichendes Entgelt zahlen – und es gibt sogar Möglichkeiten, das von Berlin aus zu tun) lass ich lieber sein, bis ich weiß, ob ich es mir zukünftig noch leisten kann. Und die Wurmkiste für den Balkon mache ich dann wohl auch erst nächstes Jahr.

Vielleicht ein Zimmer renovieren. Und der Fünfjährige braucht dringend ein großes Bett, am liebsten ein Hochbett, unter dem noch eine Kuschelecke eingerichtet werden kann.

Und vielleicht – vielleicht – ein paar erste kleine Schritte machen, um im nächsten Jahr einen langgehegten, großen Traum zu verwirklichen.

Irgendwie wird es schon weitergehen. Erst mal die Laufliste für die erste Schulwoche abarbeiten: Orthopäde, Kinderarzt, 2x Sportverein, Kita-Sommerfest. Arbeit dabei nicht vernachlässigen!

Dann die nächste Laufliste schreiben.

Und so weiter.

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3 Gedanken zu „Erste Schulwoche

  1. guinness44

    Wir haben noch 2 Wochen Ruhe, aber dann geht hier auch wieder die Hektik los.

    Bei aller Unsicherheit solltest Du vor allem stolz auf das Erreichte zurück schauen. Es ist vielleicht nicht alles so gelaufen wie man sich dass im Kindergarten erträumt hat, aber bei wem ist das schon so. Deine Kinder können sich keine bessere Mama vorstellen und das ist etwas was viele andere gerne hätten.

    Viel Kraft für die kommenden Herausforderungen (so ein schönes politisch korrektes Wort :))

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