Spätsommerglück

Das schlechte Augustwetter verzieht sich noch einmal für ein paar Tage. Wie gut! Denn für einen dieser letzten sommerlichen Samstage habe ich eine Paddeltour mit dem liebsten Freund geplant. Ein Ausflug! Ein Abenteuer!

Fürstenwalde kennen wir schon, dort hat vor einiger Zeit auch meine Geburstagswanderung angefangen. Heute gehen wir direkt zur Spree. Da, wo zwei Bänke mit hochstehenden roten und gelben Rudern am Ufer stehen, ist die Einsetzstelle, zu der die Paddelbootverleiher aus Hangelsberg die Boote bringen. Unser schlichter grüner Kanadier liegt ganz oben auf dem Bootsanhänger, darunter eine muntere Schar leuchtender Kajaks, orange und rot und blau. Eine Familie mit zwei Teenager-Söhnen, die müssen trotzdem noch Rettungswesten anziehen, oder wenigstens mitnehmen. Dem älteren Paar, das vielleicht zum ersten Mal in einem Kajak paddeln wird, stellt der Mitarbeiter der Verleihstation besonders sorgfältig die Lenkung ein und erklärt ganz genau, wie sie funktioniert. Und dann ist da noch ein Grüppchen befreundeter Paare, einer hält die Videokamera auf den Bootsanhänger und spricht leise dazu ins Mikro, die anderen verstauen ihre Hosen und Schuhe in wasserdichten Säcken, schlüpfen in Paddelschuhe und binden sich geübt den schwarzen Spritzschutz um.

Und dann können endlich auch wir starten. Der Weg ist einfach – immer geradeaus – am Abzweig rechts abbiegen – und dann wieder: immer geradeaus. 12 Kilometer, ungefähr. Die Sonne wärmt herrlich, hat aber ein Einsehen (wir haben die Sonnenmilch vergessen, beide) und schickt dann und wann eine Schattenwolke vorüber.

An der Spree liegt Berlin. Dass sie auch ein Eigenleben führt, losgelöst von der großen Stadt – darüber habe ich früher nie nachgedacht. Aber hier ist sie: ein richtiger Fluss, breit und schön. An den Ufern hat sich jemand die Mühe gemacht, viele, viele Schilder aufzustellen. Fröhliches Schifffahrtszeichenraten: Der durchgestrichene Schirmpilz ist ein Ankerverbot, ok. Aber was bedeuten die vielen Zahlen, „+“ oder „D“ auf den Schildern am Ufer, alle paar Meter fast?

Vor uns werden die bunten Punkte wieder größer, in die die Kajaks sich verwandelt hatten. Das Grüppchen hat in Flußmitte gestoppt, um einer prächtigen Schwanenfamilie mit fünf oder sechs pubertierenden Küken zuzusehen, die sich übermütig im Wasser wälzen und mit den Flügeln schlagen, dass die hässliche-Entlein-Federn, die sie trotz ihrer Größe noch haben, nur so stieben. Eins der Küken steckt den langen Hals so tief ins Wasser, dass es vornüberkippt und plötzlich auf dem Rücken im Wasser liegt.

Sachte paddeln wir in Ufernähe an der ausgelassenen Vogelfamilie vorbei.

Von der Spree zweigen immer wieder kleine Arme ab, wir kommen an überwuchterten Inselchen vorbei und an kleinen Buchten. Die Ufer des Hauptstroms sind mit Steinen eingefasst, zwischen denen dann und wann eine sandige Lücke das Landen ermöglicht. Wir rasten unter einer riesigen Pappel, die gedankenverloren ein gelbes Blatt nach dem anderen aufs Wasser fallen lässt. Kaffee aus der großen Kanne, Butterbrote, Käse und Würstchen. Große Waldameisen krabbeln emsig den Baumstamm auf und ab, von dem Biber unten vor langer Zeit schon die Rinde abgenagt haben. Eine Grille zirpt dicht hinter uns, ich entdecke sie auf einem breiten Grashalm. Rhythmisch reibt sie ihre Beine an ihrem Körper, wiederholt ihre kleine Melodie immer zweimal, dreht sich dann ein Stückchen weiter und beginnt von vorn. Einmal im Kreis, dann springt sie zum nächsten Halm. Behauptet sie so ihr Revier?

Ein Stück weiter der Abzweig in die Müggelspree. Das Wasser fällt hier über eine kleine Stufe. Man darf nicht ausprobieren, ob man umkippt, wenn das Boot über diese Stufe fährt, es muss aus dem Wasser. Ein kleiner Wagen auf Schienen an einer langen Kette steht bereit, um das Boot auf die andere Seite des Wasserfalls zu ziehen. Wir machen das zum ersten Mal, ungeschickt und unsicher (kann man den Wagen wirklich einfach ins Wasser fahren lassen, bis das Boot darauffahren kann?), ein geübter Paddler springt uns zur Hilfe.

Unser Flüsschen ist jetzt schmaler und nennt sich Müggelspree. Am Ufer ein Dickicht – Schilf und Rohrkolben. Wassergras, von der Strömung (sie ist hier stärker und hilft beim Vorankommen) gekämmt. Kleine Dellen im Wasser, winzige Strudelchen, die der Fluss macht, und die bleiben, während unsere, tiefe Löcher, wo wir die Paddel durchs Wasser ziehen, sich hinter uns sofort wieder glätten. Abgestorbene Bäume am Ufer, zwei Graureiher. Ein paar Regentropfen fallen wie eine Hand voll Silberflitter aufs Wasser. Ich lege mich auf den Rücken ins Boot und schaue zum Himmer, der jetzt wie eine dichte Daunendecke über der grünen Flusslandschaft liegt. Wir lassen uns treiben, das Boot stellt sich quer zur Strömung, es ist still um uns. Gelbe Pappelblätter sind wie eilige kleine Schiffchen in dieselbe Richtung unterwegs wir wir.

An beinahe allen Uferbäumen haben die Biber die Rinde abgenagt; manche Spuren sind frisch. Aber kein Biber und kein Biberbau ist zu sehen. Wo leben sie? Gibt es einen Flusspfleger, der sie immer wieder vertreibt, ehe sie einen Baum fällen, einen Damm bauen können? Kommen sie zurück, Jahr um Jahr?

Schneller als gedacht erreichen wir Hangelsberg. Pause an der Badestelle am Ortseingang. Ein Vater mit zwei kleinen Kindern im Kajak landet gleich nach uns am sandigen Strand. Ein Weilchen schauen wir ihm beim Erziehen seiner Kinder zu – Nein, bitte wirf den Sand NICHT auf die Boote (der Junge lässt stattdessen eine Schippe voll über seine Schoko-Reiswaffel rieseln) – ja, du darfst ins Wasser pullern (was das kleine Mädchen auch tut) – in fünf Minuten müssen wir weiter, kommt, Kinder, einsteigen, oh, da ist ja noch ein Schuh am Ufer. Mein eigener Versuch, ein paar Minuten später unser Boot ins Wasser zu schieben und gleichzeitig elegant hineinzuspringen, bringt uns fast zum kentern. Zum Glück ist mein Packsack wirklich richtig wasserdicht.

Schlängelkurve um Schlängelkurve mäandert die Müggelspree um Hangelsberg herum. Schafe blöcken entrüstet am Ufer, es gibt mehr tote Bäume, einen Hain alter Eichen. Abendlicht und Abendfrieden.

Ja, die Schulter tut weh, inzwischen. Trotzdem mag ich nicht aussteigen!

Der Bootsverleih in Hangelsberg ist klein und auf nette Weise unfertig. Ein altes Haus wird saniert, Ferienwohnungen im Nebengebäude sind in Arbeit. Eine Jurte und zwei Zelte auf der Wiese, campen könnte man hier auch. Liebevoll ist die Treppe den Hang hinauf mit kleinen Papierlämpchen geschmückt.

Ein Bierchen noch beim Hangelwirt – dem kauzigen Inhaber der gleichnamigen Restauration am Bahnhof – und dann nach Hause.

Einer dieser Tage, die ich beiseitelegen und irgendwann nochmal erleben möchte. Glück.

 

 

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8 Gedanken zu „Spätsommerglück

    1. Greta Autor

      Ja, ich mag das. Langsamer als bei Wandern waren wir auch nicht. Und nächstes Jahr dann mit den Kindern, dann können die auch schon so weit… Spreewald ist bestimmt auch toll, da war ich aber leider noch nicht unterwegs.

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  1. tikerscherk

    Du beschreibst so bildhaft, dass ich das Gefühl habe dabei zu sein. Über die Dellen, die Strudel, den Silberflitter im und auf dem Wasser, den Himmel als Daunendecke und die eiligen Pappelblätterschiffchen. Wunderschön!

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    1. Greta Autor

      Ein verspätetes Dankeschön für das Lob! Ja, das Berliner Umland ist wunderschön. Bin in diesem Jahr stadtflüchtig, so oft ich kann, und auf meiner Landkarte sind sooo viele schöne Wander- und Wasserwege… Liebe Grüße! Greta

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