Mit Lichtgeschwindigkeit im Kreis

Da hat man jahrelang einen Teilchenbeschleuniger (fast direkt) um die Ecke und weiß nichts davon!

Aber von vorn erzählt: Als treue Fans der Sendung mit der Maus war es für meine Kinder ganz klar, dass sie den Maus-Türöffner-Tag besuchen wollten. An diesem Tag laden Unternehmen und Insitutionen, die darauf Lust haben, Kinder zu sich ein und zeigen ein bisschen was von dem, was sie so tun. Ich finde das richtig gut. Also habe ich vor längerer Zeit schon geschaut, was es in Berlin an diesem Tag für Türen gibt, hinter die die Kinder mal einen Blick werfen dürfen, und habe sie im Helmholtz-Zentrum in Adlershof (HZB) angemeldet. Ein bisschen Technik ist doch prima, habe ich gedacht, ein paar Experimente, ein bisschen gucken, was Forscher so forschen.

Und gestern haben wir uns auf den Weg nach Adlershof gemacht, zu dem großen, neuen Wissenschafts- und Forschungsgebiet, das in den letzten zwei oder drei Jahrzehnten dort entstanden ist.

Uns empfägt ein Tisch mit Maus- und Helmholtz-Giveaways: Poster, Gummibärchen, Aufkleber, kleine Lämpchen… Und dann müssen wir uns in einer langen Schlange anstellen, in der die Kinder Ausweise mit ihrem eigenen Bild und dem der Maus bekommen. Dafür müssen die Kinder fotografiert werden, was schrecklich lange dauert – während ihre Eltern in der Schlange ungeduldig werden, besorgen die Kinder sich Maus-Luftballons und HZB-Luftballons und machen damit jeden Unsinn, den man mit Luftballons machen kann.

Endlich fertig! Die Gruppen – wenige Kinder, zwei Mitarbeiter des HZB – haben gerade noch gewartet und ziehen los, kaum dass meine Kinder sich der Shaun-Gruppe und der Enten-Gruppe zugesellt haben. Die Eltern haben Zeit, sich einen Tütchenkaffee zusammenzubrauen und einen Keks in den Mund zu stecken, dann kommt eine Mitarbeiterin und lädt zu einem Vortrag über die Arbeit des Helmholtz-Zentrums ein – damit die Eltern später verstehen können, wovon ihre Kinder erzählen. Ich gehe neugierig mit und sitze mit offenem Mund im Vortragssaal.

Hier – direkt hier, gleich nebenan – steht ein Elektronenspeicherring. Der heißt Bessy II und innen drin kreisen Elektronen, die auf beinahe Lichtgeschwindigkeit angetrieben wurden. Weil die eigentlich geradeausfliegen wollen, müssen sie  – so bekommen wir erklärt – irgendwie auf die Kreisbahn gezwungen werden, geben dabei aber Lichtstrahlen – wobei „Licht“ so ziemlich alles sein kann, was aus elektromagnetischen Wellen besteht – geradeaus ab. Und mit denen kann man alles mögliche tun: Feststellen, dass der Sonnenscheibe von Nebra die Sonnenbarke erst später hinzugefügt wurde. Dass Dürer die Hintergründe seiner Bilder von seinen Schülern ausmalen ließ. Woran Computer sterben (an Löchern in den Kupfer-Leitungen auf den Platinen, also einer Art Arterienverkalkung) und wie Krebsmedikamente gemacht sein müssen, um am Tumor anzudocken und nicht an den gesunden Körperzellen. Rausfinden, wie man Textilien in Solarzellen verwandeln kann, um Zelte für Krisengebiete zu bauen, die ihre eigene Energieversorgung gleich mitbringen. Sensoren testen, die später im Weltraum nach Strahlung suchen sollen, von der man noch gar nicht weiß, ob es sie überhaupt gibt. Und noch ziemlich viel mehr, von dem ich nichts verstehe.

Und dann dürfen wir Eltern auch mal gucken, was die Kinder sich angesehen haben: Den Kontrollraum, in dem Dutzende Monitore hängen und der den „Speicherkreis“ steuert, in dem die Elektronen rotieren. Und das Riiiiiiiiesenlabor, das rund um diesen Speicherkreis verläuft und in dem die Strahlung in „Strahlrohren“ ankommt – ein Raum voller Technikchaos: Kabelbrücken, mit Alufolie umwickelte Rohre, Warnschilder, auf denen vor aktivem Laser und starken Magnetfeldern gewarnt wird (heute leuchten sie allerdings nicht), riesige blinkende Apparaturen, die, so lerne ich, deshalb an vorsintflutliche Taucherausrüstungen voller runder Gucklöcher und Schrauben erinnern, weil es sich um Vakuumkammern handelt. Viele, viele Experimente, wird erklärt, können hier rund um den Speicherkreis zeitgleich durchgeführt werden. Von oben – wir machen einen kleinen Rundgang auf einem erhöhten Weg am Rand – sieht das ganze aus, als hätten 70 Dutzend verrückte Wissenschaftler gleichzeitig ihre wildesten Forschungsfantasien ausgelebt. Und bis auf das „verrückt“ stimmt das wahrscheinlich so ungefähr.

Als wir fertig sind, kommen auch die Kinder wieder. Mama, erzäht der Neunjährige begeistert, wir haben einen Wecker in ein Vakuum gestellt, und den hört man dann nur noch gaaaaanz leise klingeln! Und ein Schokokuss in einem Vakuum wird ganz groß! Den Fünfjährigen finden wir beim Schokoeis, das natürlich mit flüssigem Stickstoff gefroren wird. Es dampft beeindruckend. Und schmeckt gut.

Die Mitarbeiter des HZB sind alle freundlich. Und sie tragen grüne T-Shirts, auf denen steht: „Die Physik löst keine Geheimnisse, sie führt sie nur auf tieferliegende Geheimnisse zurück.“ Das fasst den Tag für mich ganz gut zusammen.

Während sich die nächsten Kindergruppen unten sammeln, wenden wir uns zum Ausgang, vorbei an den Giveaways. Der Fünfjährige tauscht sein Lämpchen schnell noch aus, gegen eins, das besser leuchtet. Der Neunjährige bevorratet sich mit Gummibärchen. Und dann gehen wir nach Hause – ein klitzekleines bisschen schlauer als vorher.

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2 Gedanken zu „Mit Lichtgeschwindigkeit im Kreis

  1. AnnaLisa09

    Die Maus ist halt die Beste um Kindern Wissenschaft cool rüberzubringen 🙂
    Oh so einen Teilchenbeschleuniger würde ich ja auch zu gerne mal sehen.

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    Antwort

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