Das Balkongartentagebuch: Wintervorbereitungen

Diese Woche ist so ruhig wie lange keine mehr. Meine Besuchsfreundin ist abgereist, die Hälfte meines Freundeskreises schon wieder auf irgendeiner herbstlichen Urlaubsreise, meine Kinder sind bei ihrem Vater und ausnahmsweise so gesund, dass ich nicht für einander überlappende Arztbesuche gebraucht werde.

Eine Rückzugswoche. Wintersachen vorkramen, zu klein gewordene Kleidung der Kinder aussortieren. Endlich die letzten Handgriffe am neuen Hochbett machen – und endlich rundherum aufräumen. Das nächste Physiotherapierezept für den Neunjährigen abholen (ganz ohne Ärzte geht es eben doch nicht) und allerlei dringende Anrufe erledigen. Die Herbstlaterne ins Fenster stellen. Und an einem dieser herrlich warmen Nachmittage habe ich Zeit für den Balkon.

Traurig nehme ich Abschied von der Paprikapflanze, bevor ich sie in kleine Stücke zerlege. Viele Früchte hat sie getragen – die letzte, daumenkuppengroß, mache ich noch ab. Auch die Lilien sind schon vertrocknet, aber die werden ja wiederkommen. Vom Basilikum schneide ich die Blütenstände ab und stelle ihn in die Küche – ob er wohl neue Blätter treibt? Allerlei Samen, die ich in den letzten Wochen schon geernetet habe, sind getrocknet und kommen jetzt in Tütchen und Streichholzschachteln: Lila Prunkbohnen und winzige Rucolakörnchen, eingeschrumpelte Kapuzinerkressefrüchte und sogar Samenstände vom Asiasalat und von der roten Melde. Die Ringelblume, die das halbe Frühjahr im Schatten der Kartoffel verbringen musste, ist gerade erst aufgeblüht – aber ich bin ja neulich beim Wandern an einer Ringelblumenrabatte vorbeigekommen, an der es schon Samen gab…

Heute ist auch der richtige Tag, um nochmal auszusäen, denn aus der Winterkiste möchte ich im Frühjahr Rapünzchen ernten. Dafür klappt das mit dem Wintergemüse vielleicht doch nicht – ein spätes Kohlweißlingsgelege hat meine Rosenkohlstaude quasi über Nacht in das vegane Äquivalent eines Schweizer Käses verwandelt.

Und dann sitze ich in der Dämmerung mit meinem Abendessen draußen, vielleicht zum letzten Mal in diesem Jahr. Um mich herum blüht es noch, in allen Mädchenfarben dieser Erde: gelbe und orange Ringelblumen und Kapuzinerkressen, rosa und lila Millionbells, rote Geranien und dunkellila Petunien. Das erste Herbstlaub im Hinterhof passt dazu, genau wie die Herde rosafarbener Abendwolken, die am Himmel weidet.

S-Bahnen fahren vorbei, Glocken läuten zum 25. Jahrestag der großen Montagsdemonstration in Leipzig, irgendwo da draußen gibt es andere Menschen und Cafés und Musik und Schwimmhallen und Kinofilme… aber hier ist alles still und einsam. Eine Einsiedlerwoche. Manchmal ist das richtig schön.

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Ein Gedanke zu „Das Balkongartentagebuch: Wintervorbereitungen

  1. Jochelbeere

    Da sitzt man ja gedanklich gleich mit in Deiner Frühherbst-Balkonidylle. Schön, wie Du das beschreibst! Lese immer wieder gern auf Deiner Seite. Liebe Grüße von Jochelbeere

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