Entschleunigen

Zum dritten Mal fahren wir in den Herbstferien in ein Feriendorf in der Uckermark. „Unser“ Häuschen nehmen wir in Besitz, als ob wir hier zu Hause sind und nur mal eben verreist waren – stellen den Kühlschrank an, legen unsere Sachen in die selben Schubladen wie im letzten Jahr, packen die Kekse wieder nach oben auf den Schrank, kümmern uns darum, dass die kaputte Abdeckung vom Herd gerichtet wird, holen den Techniker, weil die Tür nicht mehr von innen abschließbar ist – dabei ist noch ein letzter Rest von der Wärme in den Räumen, die die Leute vor uns hinterlassen haben, die nur Stunden vor unserer Ankunft abgereist sind.

Ach, Sie sind auch mal wieder da!, begrüßt uns am Abend die Frau, die das Buffet betreut. Ja, wir fallen hier auf und werden deshalb wiedererkannt: Zwei Frauen mit zwei Kindern – und dann auch noch ohne Auto, dafür aber mit einem Trolley voller Lebensmittel, weil wir mittags nicht im Speisesaal mit den Gruppen und den anderen Familien essen, sondern selbst kochen.

Was ist es, was ich an diesem Waldurlaub so mag, dass ich lieber wieder hierherkommen möchte (aber keinesfalls in ein anderes als „unser“ Häuschen), als irgendetwas neues auszuprobieren, irgendetwas aufregendes, irgendwas, was weniger umständlich ist? Warum tut es mir und meinen Kindern und der Besuchsfreundin gut, im Urlaub diesen vertrauten Ort aufzusuchen, über den wir schon so viel wissen – wo die besten Marönchenstellen sind, dass Billiardspielen sich nicht lohnt, weil die Queues immer an die Wände des zu kleinen Raumes stoßen, in dem der Billiardtisch steht, dass man nach dem  Abendessen im Speisesaal den Tisch abwischt, auf welcher der vier Elektroplatten im Häuschen die Pfanne am schnellsten heiß wird, dass es unter den Birken auf dem Gelände manchmal Birkenpilze gibt – und viel Zeit damit verbringen, Dinge zu wiederholen, die wir im letzten Jahr gern getan haben?

Vor allem – und vor allem: für mich – ist das alles Entlastung. Das, was ich schon kenne, und nicht neu entdecken muss. Die kurzen Wege, alle zu Fuß. Der schlechte Handy-Empfang, hinter dem ich mich verstecken kann, wenn ich keine Lust auf Kontakt zur Außenwelt habe. Die winzige Küche, in der das Kochen Spaß macht und nicht Stress. Die wenigen Dinge, die aufzuräumen nur eine Viertelstunde am Morgen in Anspruch nimmt. Ein klitzekleiner Alltag – überschaubar, zu bewältigen, frei von komplexen Entscheidungen. Beim Frühstück esse ich Marmelade-Schokolade-Brötchen und trinke Kaffee dazu. Die Kinder meckern, wir gehen trotzdem in den Wald. Wir sammeln Pilze und Beeren. Wir spielen Federball und Tischtennis; wir leihen Minigolfschläger aus, wir spielen am Tisch („Ligretto“ und „Phase 10“ in diesem Jahr), wir kickern, es gibt Griesbrei mit Waldbeeren oder Nudeln mit Pesto und frischen Pilzen, mittags lese ich eine Stunde, dann gibt es Kaffee, und abends muss abwechselnd immer eins der Kinder unter die Dusche.

Und es wird uns nicht langweilig. Jedesmal, wenn wir abreisen, wollen wir wiederkommen. Beim nächsten Mal aber ganz bestimmt Zeit zum Briefeschreiben haben. Dann endlich auch mal eine richtige lange Wanderung machen. Und unbedingt in der Stadt in die Therme gehen.

Oder wir machen einfach dieselben Sachen wie in diesem Jahr.

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3 Gedanken zu „Entschleunigen

  1. jongleurin

    Habe gerade diesen Blog gefunden, während meine Tochter Mittagsschlaf macht, und lese sehr gerne und nun auch mal öfter. Auch deswegen, weil ich die Kleine ebenfalls im Wechselmodell mit ihrem Vater teile. Und weil Berlin der Schauplatz ist, immer noch meine Herzensstadt.

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