25 Jahre

Meine Erinnerungen an die Wende und den Fall der Berliner Mauer sind grobkörnige Fernsehbilder, schwarz-weiß, die echten Erinnerungen überlagert von späteren Widerholungssendungen. Die Menschen da in Leipzig bei den Montagsdemos, oder die, die da in Berlin auf der Mauer tanzten… das war ganz schön weit weg. Unwirklich. Etwas, das mir passierte, wurde die Wende erst später: Mit den wenigen Demos, zu denen ich dann – als es ungefährlich war – mitgehen durfte. Mit der bunten H-Milch im Regal, der Staatsbürgerkunde-Lehrerin, die sicherheitshalber ein paar Monate lang nur noch Sexualkunde unterrichtete, bis sie ihre Blitzumschulung zum Fach Gesellschaftskunde abgeschlossen hatte; mit dem ersten Ausflug nach Kassel, den Karottenhosen, für die ich mein „Begrüßungsgeld“ ausgab und dem Staunen vor den riesigen, bunten, herrlichen Regalen in einer Kasseler Buchhandlung. Mit dem Besuch meiner Klassenlehrerin, die mit der guten Nachricht kam, dass ich nun auch als Pfarrerstochter würde Abitur machen dürfen. Mit der ersten Reise nach Ungarn, den lauen Abenden an der Donau und dem herrlichen Duft der Pfirsiche auf den Märkten.

Nein, wir waren keine Familie von Visionären, die den Fall der Mauer herbeigesehnt oder von Rebellen, die ihn herbeigeführt hätten. In unserer Familie wird die Gabe weitergegeben, sich in die Umstände zu fügen, die wir vorfinden. Die Wende kam deshalb für mich nicht nur unerwartet, sondern von irgendwo weit, weit außerhalb der Gesamtmenge der Möglichkeiten, die ich für mein Leben in Betracht gezogen habe, damals; als seltsames Wunder.

Heute – und nicht nur heute (denn ich halte viel von Familien-Sagas, von einem Geschichtenschatz, aus dem die Kinder sich Antworten auf die Frage heraussuchen könnnen, woher sie kommen) – erzähle ich meinen Söhnen davon. Euch, sage ich, hätte es garnicht gegeben ohne die Wende. Euer Vater und ich wären uns nämlich nicht begegnet. Wir rechnen aus, dass meine Kinder halb-schlesisch, viertel-fränkisch und viertel-thüringisch sind – und dann noch Berliner, sagt der Fünfjährige. Klar! Ganze Berliner noch dazu.

Zum Gedenktag des Mauerfalls wollen wir natürlich die Lichtergrenze sehen, ein kleines Stückchen der 15 Kilometer, auf denen – so haben sich das zwei findige Künstler ausgedacht – in kurzen Abständen leuchtende Heliumballons auf schlanken Stängeln den Verlauf der Mauer von der Bornholmer Brücke im Norden Berlins bis zur Oberbaumbrücke in Kreuzberg nachstellen und dann als Symbol der Maueröffnung aufsteigen sollen. Weil der Fünfjährige so gerne ein echtes Stück Mauer sehen möchte, gehen wir zur East Side Gallery. Da ist die lange Reihe leuchtender Tropfen in der Dunkelheit! Schön sieht das aus. „Ballonpaten“ in roten Windjacken mit Sponsorenlogos drauf hängen runde Zettel mit ihren Botschaften an die Ballons oder treten frierend von einem Bein aufs andere. Ein Bläserchor spielt einen Choral, ein Straßenmusiker klampft über seine Gitarrenseiten, noch ein Stück weiter gibt es laute Elektro-Beats. Guckt, sage ich zu meinein Kindern, da ist die Mauer! Bloß die Bilder gab es zu DDR-Zeiten nicht, da war die Mauer grau, und es standen Soldaten davor. Andächtig legt der Fünfjährige seine Hand auf den bunten Beton. Und dann gehen wir an den bunten Mauerstücken entlang in Richtung Oberbaumbrücke. Um uns herum ein dichtes Gewimmel, überwiegend junge Leute, die in vielen Sprachen durcheinanderreden, ihre Smartfons zücken, sich selbst, ihre Freunde, die Mauer, die leuchtenden Ballons und unbeteiligte Passanten fotografieren und wahrscheinlich sämtliche sozialen Netzwerke mit ziemlich gleich aussehenden Fotos fluten.

Auf einer riesigen Leinwand werden – noch einmal, einmal mehr – die Filmaufnahmen vom 9. November 1989 gezeigt. Schaut hin, sage ich zu meinen Kindern, so war das, so sah der Fall der Mauer aus, das da ist heute vor 25 Jahren passiert! Mama, sagt der Fünfjährige, da hat eine Frau einen Grenzpolizisten geküsst! Ja, sage ich, so sehr haben die Menschen sich gefreut. Genau wie damals, als es echt war, stehen mir Tränen in den Augen.

Weiter vorne, zur Oberbaumbrücke hin, drängen sich die Menschen so dicht, dass wir nicht mehr weiterkommen. Und immer mehr Leute strömen zur Brücke. Zwei verschnupfte Kinder an einem kalten Abend in einer undurchdringlichen Menschenmenge – und dann noch eine Stunde auf den Aufstieg der Ballons warten? Das schaffe ich nicht. Auf nach Hause! Zum Trost für die Kinder löst einer der Ballons sich plötzlich viel zu früh von seiner Halterung, steigt auf, wird vom Wind abgetrieben, immer höher, immer weiter.

Die restlichen sehen wir dann zu Hause im Fernsehen. Auch schön. Und wie das mit historischen Ereignissen so ist: Die Kinder kommen viel zu spät ins Bett. Und der Abwasch bleibt stehen. Aber wir waren dabei. Ein bisschen (wieder mal).

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5 Gedanken zu „25 Jahre

  1. wildgans

    Wie gern ich das jetzt am frühen Morgen gelesen habe- gestern Abend nur überflogen.
    Karottenhose, Prachtbuchhandlung, Pfarrerstochter, Wendekinder- ein Minimalkurzroman, in dem einige gute Leben stecken- ein wenig fällt mir dazu ein: Maxi Wanders „Guten Morgen du Schöne“ – und der Film „Sommer vorm Balkon“ – und das eigenwillig gute Leben von Greta mit ihren zwei lieben Söhnen!

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  2. Pingback: Die Welten der Anderen (2) | kreuzberg süd-ost

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