Schiebepuzzle

Man könnte meinen, dass ich es mir in der kinderlosen Woche faul und gemütlich mache. Das kommt sogar vor, nur nicht, wenn Herbst ist und ich noch ganz schnell mein diesjähriges Renovierungsprojekt umsetzen muss, bevor Adventsschmuck aus den Kisten geholt, Früchtebrot gebacken und eine lange Liste Weihnachtsgeschenke gebastelt oder gekauft werden muss.

Habe ich hier schon einmal ein Loblied auf mein halbes Zimmer gesungen? Jede Wohnung sollte eins haben – ein kleines, halbes mehr als die grundsätzlich notwendige Anzahl. Für migränekranke oder schnarchende Gäste. Um selber mittags für eine halbe Stunde die Tür hinter mir zuzumachen und den Kinderlärm das fröhliche Spielen meiner Kinder mit ihren Fußballkarten nicht mehr zu hören (stattdessen die Nachbarn, weil die Wand zu denen nur aus dickerem Papier besteht, aber die sind ja auch ruhiger). Für den dicken Kleiderschrank, die Campingsachen, die Winterbettdecken, den Weihnachtsschmuck, die Kiste mit den Erinnerungen an meine Kindheit. Für das große Bücherregal, das nicht mehr ins Wohnzimmer passt. Um zwischenzulagern: Äpfel und Plätzchendosen, Geschenke (sicher versteckt), zu klein gewordene Kindersachen, Wäschekörbe und alles, was mal eben aus dem Weg muss.

Schon lange hat mein Zimmerchen eine neue Schicht Farbe verdient – die Wand zu den Nachbarn sogar eine extradicke (falls grad keine Schallschutzfarbe erhältlich ist). Und da der Renovierungsrappel bei mir immer im Herbst einsetzt… stehe ich im ausgeräumten halben Zimmer und spiele Schiebepuzzle.

Die Leiter zuerst rechts hinten. Den halben Hängeboden mit Zeitung auslegen und die Ränder abkleben. Dann das Bettgestell hochkant stellen und nach rechts schieben, dann ist links Platz für die Leiter, und ich kann die linke Hälfte des hinteren Hängebodens abkleben. Leiter zusammenklappen und in den Flur stellen. Dann den Kleiderschrank von links vorne nach links hinten schieben. Leiter wieder reinholen und den vorderen Hängeboden links (ist aber jetzt rechts, weil ich mich dazu umdrehen muss) mit Zeitung auslegen. Dann das Bettgestell nach links an den Kleiderschrank schieben… und so weiter. Der Kleiderschrank kriegt heute selber ein Kleid – aus schicker grüner Folie. Der würde nämlich garnicht durch die Tür passen, und auseinandernehmen möchte ich das gute alte Stück vom VEB lieber nicht nochmal – wer weiß, ob er wieder zusammenzusetzen wäre. Das Bettgestell mag ich auch nicht auseinandernehmen, das schiebe ich dann vor dem Streichen einfach auf den Balkon. Für die Freunde, die zum Helfen kommen, werde ich mir noch eine Choreografie ausdenken: Wenn A hinten links auf der Leiter steht und die Rolle in der linken Hand hält, kann parallel B unter dem vorderen Hängeboden mit dem Pinsel in der rechten Hand streichen, während C (das bin ich) auf dem Kleiderschrank sitzt und… den Farbeimer festhält. Oder so ähnlich. Es ist eben ein sehr, sehr kleines Zimmer.

Oder doch nicht? Ich komme ins Grübeln, als ich an den offenen Kinderzimmertüren vorbeigehe. Beim Neunjährigen stapeln sich die Bücher – flächendecken und einen Meter hoch – unterm Hochbett, an der Turnstange hängen meine Kleider, darunter liegt ein Stapel Winterjacken. Beim Fünfjährigen lagern mehrere Raummeter Winterbetten und Campingutensilien. Den Rest seines Zimmers verstopft die Wäsche aus dem Schrank.

Ohne mein halbes Zimmer wäre das immer so, wie schrecklich!

Jetzt noch eine Einkaufsliste schreiben: Gelbe und weiße Farbe. Einen schönen kleinen flauschigen Teppich. Und einen Lampenschirm, der gemütliches Licht macht. Oh, das wird schön!

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4 Gedanken zu „Schiebepuzzle

    1. Greta Autor

      Aber ja! Ich träume ganz schön oft davon, nach der Grundschulzeit des Fünfjährigen hier wegzuziehen (länger darf das mit dem Wechselmodell einfach nicht gehen). Ans Wasser! Mit Freunden oder in ein gemeinsam-leben-Projekt oder so… Mit Himmel zum Angucken und Erde zum Was-Wachsen-Lassen. Und einer Schreibstube für mich. Und lieber im Spreewald als in Kalifornien. Aber wer weiß.

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