Novembergeschichten

Am Morgen ist es noch ganz dunkel, wenn der Neunjährige auf den Balkon geht und prüft, wie warm er sich anziehen muss. Am Spätnachmittag, wenn wir zum Sportverein fahren, ist es schon wieder dunkel. Wenn wir von da heimfahren, schauen wir vom Bus aus in die beleuchteten Fenster, kleine Sekundenblicke in andere Leben mit ihren Bücherwänden und Papierlampenschirmen und Hochbetten und Adventsdekorationen und Einbauküchen, in denen Abendessen vorbereitet werden.

Abends, wenn ich das Licht im Zimmer des Fünfjährigen ausschalte, so dass nur noch der Lichtschein von der Lampe im Hinterhof ins Zimmer fällt, die genauso aussieht wie einer der achttausend Ballons, die am 9. November in den Himmel aufgestiegen sind, so dass wir jeden Abend sagen: guck mal, da ist ein vergessener Ballon, bei uns steht noch einer – abends, wenn es im Zimmer des Fünfjährigen dunkel wird, fragt er mich Tag um Tag: Mama, es gibt hier doch keine Wölfe und Füchse in der Nähe? Und wenn die ums Haus schleichen, können sie die Tür ja nicht aufmachen, weil die abgeschlossen ist, stimmts? Und sie können auch nicht an der Wand hochklettern und sich mit Macht durchs Fenster werfen, oder? Und wenn sie sich dann im Zimmer anschleichen, würden wir sie doch hören?

Wenn meine Kinder schlafen, kuschele ich mich, Laptop auf den Knien, im frischgestrichenen halben Zimmerchen ins Bett, neben der Wand, die leuchtend Mangogelb geworden ist, genau wie ich es wollte. Die weiße Wand gegenüber ist noch ganz leer.

Weil der Fünfjährige nun doch zu viel hustet, bin ich ein paar Tage mit ihm zu Hause. Wir inhalieren mit Adrenalin und Mucosolvan und lesen dabei Kapital vom Paddington Bär vor, für die ich mir den richtigen Vorleseton bei einer Berliner Slammerin (leider ihren Namen vergessen und den Link nicht wiedergefunden) abgelauscht habe. Plötzlich funktionieren die Geschichten, die uns langweilig vorkamen, als wir das Buch schonmal in der Hand hatten.

Wir backen Hustenplätzchen (glasieren mag ich sie dann lieber alleine) und hängen Sterne auf und ich arbeite auch von zu Hause aus, aber nur ein bisschen, bis mich mein Chef am Handy erwischt und den großen Notfall ausruft, so dass ich einen ganzen Tag vor dem Rechner verbringen muss, den Fünfjährigen neben mir mit einem Spiel, dass eigentlich dem Neunjährigen gehört und mit dem der Fünfjährige sonst nie, nie spielen darf. Zwischendurch Kochen, Inhalieren, mehr von Paddington, den Neunjährigen begrüßen und dann in seinen Nachmittagstermin mit seinem Papa verabschieden, den Kindern Abendessen machen, Gutenacht sagen, wieder an den Rechner. Schöne neue flexible Arbeitswelt: Irgendwo schnippst einer, der vielleicht nie sein krankes Kind betreuen musste, mit den Fingern, und äußert einen Wunsch. Ich hätte da gerne noch bis Montag früh… Irgendwo anders sitze ich am Rechner und besteche meine Kinder mit zu viel Fernsehen. Dazwischen mein Chef, der auch nichts dafür kann. Und nichts dagegen.

Am Samstag Plätzchenbackgroßaktion mit Freunden. Hinterher Teig abduschen, in die vorbereiteten Kleider schlüpfen, die Freundin begrüßen, die netterweise bei meinen Kindern bleibt, damit ich eine Geburtstagsfesteinladung nicht (wie die letzten gefühlt 137 Parties) absagen muss. Noch einen Schluck starken Kaffee, dann hinaus in die eiskalte Finsternis. Wie gut das tut, mal wieder mit einem Haufen fremder Menschen zu reden, die interessante Leben und Berufe und Hobbies und Ansichten haben. Am nächsten Morgen um halb sieben kann ich nur matt brummen, als der Fünfjährige zu mir unter die Decke schlüpft. Aber um neun beim Frühstück erzähle ich ihnen die besten Geschichten: Von den dunkelgrün gestrichenen Küchenwänden, dem Mann, der für sein Leben gern auf Rennstrecken Motorrad fährt, dem Baby, das stundenlang vergnügt von einem Arm auf den anderen wanderte, und dem Taxifahrer, der mich heimgebracht hat und dann noch die ganze Nacht durcharbeiten musste. Der Neunjährige kann es kaum glauben: wie jetzt, eine Party – und da wurde die ganze Zeit nur geredet?

Am Montagmorgen in der S-Bahn werde ich zum ersten Mal in meinem Leben mit „Junge Frau“ angesprochen, noch dazu nicht von einem älteren Herrn, der das vielleicht ehrlich gemeint hätte haben können, sondern von so einem jungen Typen. Trotz der Bierfahne, die der schon um acht hinter sich herzieht, schmerzt das. Liegt es an der Mütze, ohne die bei dem schneidenden Berliner Ostwind heute garnichts geht – oder sehe ich so alt aus?

Heim komme ich in die leere Wohnung. Die Adventskalender, die ich am Abend noch vorbereitet und den Kindern hingestellt und hingehängt habe, werden eine Woche lang darauf warten, dass jemand die nächsten Türchen öffnet. Die stillen Zimmer wünschen sich Licht und Lachen und Gespräche und Träume – aber nur der Mann von der Telefongesellschaft ruft an, um mich von einem neuen Tarif zu überzeugen. Und der Ostwind heult im Schornstein.

Advertisements

5 Gedanken zu „Novembergeschichten

    1. Greta Autor

      Oh klar. Wenn die Montagabenstraurigkeit vorbei ist, geht die Woche dann schnell um und ist voller Sachen, die ich mit den Kindern nicht machen würde. Bloß leider gehen die Wochen, in denen die beiden bei mir sind, auch immer so schnell. Eigentlich sogar noch schneller… Liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

      Antwort
  1. Pingback: Gesehen, gelesen, gehört… im Dezember | gretaunddasleben

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s