Wintermorgen

Jeden Morgen freue ich mich, meine Füße beim Aufstehen auf meinen schönen, neuen, weichen Teppich in meinem schönen, neu gestrichenen halben Zimmer zu setzen.

Die Kinder laufen zum Adventskalender, hoffen auf ein Päckchen Fußballkarten und ziehen sich damit – oder mit den hunderten, die sie schon besitzen – ins Zimmer des Fünfjährigen zurück.

Ich schnippele Obst für die Vesperdosen und höre nebenbei Radio. Die CSU möchte, dass in allen Haushalten in Deutschland zukünftig nur noch Deutsch gesprochen werden darf. Linguisten gehen davon aus, dass unter dieses Fremdsprachenverbot auch das Bayerische fallen würde. Sonst bringt mich vor dem Frühstück ja nicht viel zum Lachen…

Dann gehen wir los. Draußen ist es eisig, wir ziehen die Kapuzen über die Köpfe und stemmen uns gegen den Wind unter der S-Bahn-Brücke durch. Der Neunjährige flitzt schon mal vor, er muss pünktlich sein, mit dem Fünfjährigen kann ich schlendern. Die Pflanzen am Kanal sind von Rauhreif überglitzert, unsere Atemwolken bleiben einen Moment in der Luft stehen. Auf dem Kanal schwimmt eine einsame Ente. Entenarten können sich untereinander paaren und vermehren, habe ich gelernt; neulich erst einen Stockerpel mit ganz weißem Brustgefieder gesehen. Ob so eine Misch-Ente wohl unter Identitätskonflikten leidet?

Während ich meinen Gedanken nachhänge, erzählt der Fünfjährige von seinen Weihnachtswünschen. …und ein Quadrokopter, die sind sooo groß – er zeigt mit den Händen – den wünsche ich mir so sehr! – Vielleicht bist Du für einen Quadrokopter noch zu klein?, wage ich einzuwenden, Na gut, sagt der Fünfjährige, wenn nicht zu Weihnachten, dann eben zum Geburtstag. Einen Monat später.

Auf dem Weg von der Kita zur S-Bahn leuchtendes Morgenrot hinter den Bäumen, ein Scherenschnittbild voller feinster Details, wunderschön. Der Wind ist noch stärker und noch kälter geworden, ein Haus, dessen Fassade saniert wird, versucht fröstelnd, die Planen, mit denen seine Front abgehängt ist, enger um sich zu ziehen.

Der Zeitschriftenladen am S-Bahnhof präsentiert die „MAC-Bibel“ auf der einen Seite – und schlägt mit „Die Bibel – das wichtigste Buch der Welt“ elegant den Bogen zu den Landzeitschriften auf der anderen Seite, die mit einem schneebestäubten Esel für Weihnachten auf dem Land (wo sonst) werben. Mittendrin frühe Jahresrückblicke, als ob uns in diesen Dezemberwochen nichts mehr passieren könnte.

Vor dem Bürofenster, später, der erste Schnee.

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2 Gedanken zu „Wintermorgen

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