Ein Bär wird verwurstet

Ich freue mich wirklich sehr auf die Zeit der Familienfilme – darauf, immer mehr und immer anspruchsvollere Geschichten mit meinen Jungs ansehen zu können. Shaun das Schaf – wild und phantasievoll und voller Humor – ist schon eine große Verbesserung gegenüber Bob dem Baumeister, bei dem immer alles nur ordentlich und sauber sein muss (der Kontrast wird beim Wiedergucken der alten Folgen so klar, dass er vielleicht sogar beim Fünfjährigen schon ankommt). Aber da gibt es ja auch noch die große, weite Welt der richtigen, langen Filme.

Am letzten Wochenende haben wir einen Ausflug ins Kino zum Paddington-Bären gemacht. Weil wir das Buch ja sowieso gerade lesen und weil eine Freundin den Film empfohlen hatte. Mit leuchtenden Augen hüpften meine Kinder vor Beginn des Filmes durch den Kinosaal, zählten die Sitze (der Neunjährige lief die Reihen ab, Sitz für Sitz, der Fünfjährige addierte die höchsten Sitznummern jeder Reihe) – und freuten sich auf das große Kinoerlebnis.

Aber auch wenn es im Nachhinein für beide ein schönes Erlebnis war (nachdem wir ungefähr zwei Stunden über alles geredet hatten, was den Kindern nach dem Film so im Kopf herumspukte) – ich jedenfalls bin immernoch enttäuscht und ärgerlich. Erstmal endlose Werbung – das zum Eisessen einladende Still so lange, dass wir schon vermuteten, der Film werde nicht eher gezeigt, als alle im Kino nochmal ebensoviel Geld für Eis ausgegeben hätten wie für ihre Kinokarte. Dasselbe nochmal für Kinogutscheine. Und dann endlose Filmwerbung – und zwar nicht ausschließlich für Filme, die ich meinen Kindern zu sehen erlauben würde.

Das alles muss man in einem großen Kettenkino wohl hinnehmen. Aber der eigentliche Film hat uns dann auch enttäuscht.

Aus einem eher bedaubigen Buch mit kleinen Geschichten, die den britischen Lebensalltag illustrieren und einen Protagonisten dafür benutzen, der qua seiner Bärennatur in soviele Missgeschicke geraten darf, wie dem Autor nur einfallen – Missgeschicke, die Kinder vielleicht auch erleben und für die sie ausgeschimpft werden, die für den Bären aber immer glänzend ausgehen – aus diesem Buch haben die Filmemacher eine glattgebürstete Familiengeschichte (Vater aus Liebe zu seinen Kindern langweilig geworden, große Tochter pubertär, kleiner Sohn darf nicht wild sein, alle zusammen in der Krise – die am Ende behoben ist) und gleichzeitig einen für Kinder – meine Kinder jedenfalls – zu actionreichen Film gemacht. Muss es unbedingt in einem Kinderfilm eine dazuerfundene böse Figur geben, die sich wie ein zum Bösen übergelaufener Spiderman durchs Dach abseilt? Explosionen und Feuer? Eine Verfolgungsjagd durch ein nächtliches Museum? Muss der Bär im Kinderfilm unbedingt schon betäubt neben dem Schlachtebeil auf dem Tisch liegen? Und muss er denn wirklich ausgerechnet durch einen Schornstein entkommen, während die Böse unten das Feuer anmacht, mit Hilfe von zwei Tischstaubsaugern, deren Batterien nacheinander versagen – um erst in allerletzter Sekunde – unterlegt von wirklich dramatischer Musik – von seinen Freunden gepackt und aus dem Schornstein gezogen zu werden? Warum?

Trauen wir es unseren Kindern nicht mehr zu, Spaß an einem Film zu haben, der langsam und ruhig erzählt wird? Halten wir sie für so abgestumpft, dass Situationskomik und Wortwitz ihnen nicht mehr reichen? Müssen wir unbedingt noch jeden Special Effect einbauen, den wir uns vorstellen können – und einige, die ich mir lieber nicht vorgestellt hätte – einfach, weil die Tricktechnik dazu in der Lage ist?

Zum Glück hatten wir alle drei Trailer vorher angeguckt und waren vorgewarnt. Zum Glück hatte ich meinen Kindern vorher erzählt, dass der Film nicht genau so wie das Buch sein würde, dass er übertreiben würde, dass alles ganz sehr spannend gemacht werden würde – und das es eine böse Frau geben würde, die den Bären ausstopfen wollen würde, hatten wir ja zum Glück auch schon gesehen. Trotzdem musste mein medial nicht überfütterter neunjähriger Sohn vor Angst weinen. Trotzdem musste sein tougherer kleiner Bruder manchmal die Augen zumachen. Trotzdem musste ich beiden immer wieder erklären, dass es gut ausgehen würde; trotzdem konnten beide nicht anders, als den Bären laut anzufeuern… – Insgesamt haben wir den anderen Besuchern des Films also ein ziemliches Spektakel geliefert.

Aber warum waren alle anderen Kinder in der Lage, die Geschichte gelassen – oder zumindest: ruhig – zu verfolgen?

Bei Filmen für Erwachsene kriege ich das gut hin, vorher auszuwählen, was mir gefallen wird und was nicht. Ich hoffe stark, dass ich dieses Gespür auch bei Kinderfilmen noch entwickle. Denn wenn ich mich entscheiden muss, meine Söhne – früher, als sie sie ohnehin ohne mich entdecken – an mediale Darstellungen zu gewöhnen, die vielleicht altersüblich sind, die die beiden aber verschrecken und ängstigen, oder aber Außenseiter großzuziehen… Dann werden sie wohl Außenseiter werden. Selbst wenn sie es mir irgendwann vorwerfen werden, dass sie ihre Kindheit in einer weltfremden Seifenblase vebracht haben.

Und trotzdem war der Film natürlich auch schön. Ich liebe ja Sally Hawkins, die auch in den Paddington-Film ein Stückchen von dem Glanz bringt, der sie in Happy-Go-Lucky umgibt. Und dass die Wachen vor dem Buckingham Palace Thermoskannen mit Kaffee und Tellerchen mit Pasteten unter ihren Hüten haben, ist so lustig und einleuchtend, dass es mich mit mindestens drei Szenen versöhnt, die ich nicht mag. Mehr von dieser Sorte Witz beim nächsten Film! Den verstehen auch Kinder schon. Meine jedenfalls. Und weniger Spannung, bitte. Dann gehen wir auch wieder ins Kino.

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5 Gedanken zu „Ein Bär wird verwurstet

  1. Anne

    Liebe Greta, da sprichst du was aus, was mich auch total nervt… Bei Pixar-Filmen und co bin ich ja schon drauf gefasst. Aber ich fand schon selbst bei „Oh wie schön ist Panama“ (als der Tiger von der Hängebrücke fällt und alle denken, er sei tot) und bei der Petterson-Verfilmung (die insgesamt ja wirklich wunderbar und phantasievoll war – aber warum muss am Ende der Hahn Caruso unter dem Hackebeil liegen bis in letzter Minute?), dass es die Dramaturgen unnötig übertreiben. Unser jüngstes Beispiel „Quatsch und die Nasenbärenbande“, der „für die Allerkleinsten“ beworben wurde. Meine große Tochter (10) schläft zurzeit seit Tagen schlecht, weil es im letzten „Löwenzahn“ (!) um Werwölfe ging… ich finde seit Fritz Fuchs haben die Folgen genau so eine Hollywood-Endzeit-Dramaturgie. Keine Ahnung, wo das herkommt und wer das will. Ich finde, diese Zielgruppe findet doch genug solche Filme auf dem Markt. Wir gucken derweil beharrlich weiter Lotta aus der Krachmacherstraße, die Muppets Weihnachtsgeschichte und die Kinder aus Bullerbü (auch die Große, immer wieder gerne!). Liebe Grüße!

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    1. Greta Autor

      Liebe Anne, da sind unsere Erfahrungen also ähnlich… Tut mir gut, dass ich nicht die einzige bin, die viele Kinderfilme für übertrieben dramatisch hält. Für die Weihnachtszeit habe ich vor, in der Videothek nach alten, schönen Kinderfilmen zu schauen. Die „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ sind ja fast ein Muss… Und mal sehen, was es noch so gibt. Vielleicht lasse ich mich von Dir anregen und leihe mal die Kinder aus Bullerbü aus. Liebe Grüße und schöne Weihnachtstage! Greta

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  2. tangoargentina

    Die armen Jungs!!! Ein Glück, saß es noch Kinder gibt, die nicht so abgecoolt sind und noch weinen, wenn sie Angst verspüren und diese unnötige Veractionierung adäquat widerspiegeln. Meine Tochter hat vor vielen Jahren, als ich mit ihr in „Felix Hase Weltreise“ ging, der ab 0 Jahren zugelassen war, sich die Ohren zugehalten – und ich mußte ihr dazu die Augen zuhalten. Da haben die doch alle Gruseligkeiten dieser Welt hineingepackt, von Loch Ness bis zu Dracula. Mit schrecklicher Angstmachemusik. Seitdem ging ich nie mehr mit ihr in arglos daherkommende Kinokinderfilme. Lieber DVDs. Astrid Lindgren, Erich Kästner, obwohl, auch das letzte „Doppelte Lottchen“ ist nicht ganz ohne… Also am besten erst etwas selbst vorangucken 😉

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  3. asallime

    Liebe Greta, ich habe dich über tikerscherk entdeckt und stöbere in deinen Texten und erkenne viel wieder, als Mutter und auch als Tochter einer Alleinerziehenden.
    Ich freue mich auch immer wieder, wenn mein Sohn mal einen der alten Winnie-the-Pooh-Filme gucken möchte, wo die ganze Krise darin besteht, dass einer aus der Gruppe verschwunden ist und wiedergefunden werden muss. Im Gegensatz zur Disney-Version, wo immer noch eine und noch eine Krise bewältigt und beschrien werden muss. Bei vielen Filmen geht mir oft die Puste aus und ich fühle mich insgeheim sehr schuldig, dass ich meinen Sohn das überhaupt gucken lasse. Zum Glück hat er sich jetzt auf David Attenborough eingegroovt.
    Von Paddington habe ich eigentlich Gutes gehört und bin nun etwas enttäuscht, dass er doch wieder nur dieselbe Art der Dramaturgie zu haben scheint. Ich bin mit Paddington aufgewachsen und kann mir kaum vorstellen, wie man da jetzt Action reinbringen kann, aber es geht wohl alles.
    Wie dem auch sei, schön, dich entdeckt zu haben!

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    1. Greta Autor

      Liebe asallime, jetzt habe ich auch die Zeit gefunden, auf Deinen Blog zu schauen, und freue mich gerade sehr an Deiner Musik… Das tut mir gut, dass auch Du die Action in Kinderfilmen übertrieben findest. Wir haben mit den Kindern von Bullerbü und der neuen Verfilmung von Pünktchen und Anton sehr schöne Weihnachtsfilme gehabt. Allmählich werde ich wohl rausfinden, was ich meine Kinder gern sehen lasse und was noch nicht. Dir ein gutes und frohes neues Jahr 2015 – und viel Spaß beim Lesen und Stöbern. Ein lieber Gruß von Greta

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