Klein und geheim

In diesem Dezember bin ich in Jahresendstimmung, aber nicht in Weihnachtsstimmung, trotz der Plätzchen, die ich vom Teller nasche, trotz der Zweige, die ich aufgestellt und mit Sternen behängt habe. Ohne die Kinder – die den größten Teil der Adventszeit bei ihrem Vater verbringen – gibt es irgendwie keinen Grund für weihnachtliche Gefühle. Außerdem haben die Vitaminspritzen die Erschöpfung vertrieben und mich unternehmungslustig gemacht, so dass ich in der kinderlosen Vorweihnachtswoche zwischen Arbeit und Unternehmungen mit Freunden gerade mal so zum Schlafen nach Hause komme.

Aber einen Weihnachtsmarkt würde ich ja doch gern besuchen, wenigstens einmal drüberbummeln, und am liebsten nicht über so einen kommerziellen, sondern einen kleinen, netten… Beim Stöbern in den Veranstaltungstipps für Berlin entdecke ich eine Umsonst-Seite, auf der ein kleiner Weihnachtsmarkt im alten Spreepark im Plänterwald – dem schon lange brachliegenden Vergnügungspark aus DDR-Zeiten, der zu einem geheimnisvollen, halb zugewucherten Gelände voller verrottender Fahrgeschäfte geworden ist – angekündigt wird. Also los.

Mit dem liebsten Freund steige ich an der angegebenen Haltestelle aus dem Bus. Kein Hinweisschild, nirgends. Unbeleuchtet – kaputt und nutztlos stehen die alten DDR-Straßenlampen im Gebüsch – führt der Weg zum Spreepark in den Wald. Haben wir uns getäuscht? Öffnet der Markt doch erst am Samstag? Gibt es ihn überhaupt? Niemand außer uns stapft durch den Matsch, den der Berliner Winterdauerregen zwischen den kahlen Bäumen hinterlassen hat. Das Tor, durch das man ehemals zum Café Mythos – einer anderen, sommerlichen Teilnutzung des Geländes – kam, ist verschlossen. Im Dämmerlicht erkennen wir gerade noch einen Pfeil mit der Aufschrift „Weihnachtswelt“. Hundert Meter weiter tatsächlich ein Eingang, daneben sogar ein Pförtnerhäuschen. Wir nehmen noch keinen Eintritt, sagt großzügig der Mann, der darin sitzt, und telefoniert weiter. In der Ferne ein paar Lichter, auf die wir zulaufen; auf den Betonplatten des Weges stehen riesige Pfützen. Vor uns ragt das Riesenrad auf, an dem man den Plänterwald von weitem erkennt. Geisterhaft dreht es sich im Wind – oder funktioniert die alte Stromversorgung etwa noch, ist das Rad in Betrieb? Schon lange darf man in den jahrelang Wetter und Wind ausgesetzten Gondeln nicht mehr fahren.

Dann sind wir da. Ein paar alte Spreepark-Bauten, die eine dörfliche Kulisse darstellen sollen; davor ein kleiner Platz, um den vier oder fünf Weihnachtsmarktbuden aufgebaut sind; hinter den Buden das Riesenrad. Statt eines Weihnachtsbaumes gibt es einen birnen- oder vielleicht auch tannenförmigen Bau aus Regenschirmen, der von innen beleuchtet ist. Aus einer Bude mit einem herzförmigen roten Tor spielt Konservenmusik. Auf den schlammigen Wegen kann man ein Stückchen übers Gelände laufen, dahin, wo zwei alte, lebensgroße Dinosaurierfiguren umgestürzt im Gras liegen. Beiden fehlt der Kopf, in der Halsöffnung des einen blinzelt eine Lampe rot und lila, schaurig. Ein großes Kuppelzelt, weiß wie ein riesenhafter Iglu, ist innen mit Sonnen, Sternen und Außerirdischen bemalt; eine Holzkonstruktion, auf die vielleicht Filme projiziert werden könnten, wird weiß angestrichen. Nebenan ein kleines Zirkuszelt, mit Lichterketten geschmückt, in dem ein paar junge Frauen uns fröhlich ihre Kekse und den Spekulatius anpreisen, den sie verkaufen und der – täuschend echt – wie Schinken aussieht. Sofas stehen ringsherum an den Zeltwänden, in der Mitte könnten Kinder malen und basteln, aber es gibt keine Kinder, der liebste Freund und ich sind die einzigen Besucher, alle anderen hier sind damit beschäftigt, den Markt aufzubauen und vorzubereiten. Ein Sprayer lässt auf einer alten Mauer einen Teddybären entstehen, der verdrießlich inmitten von Tannenzweigen sitzt.

Es gibt eine still vor sich hinpustende Hüpfburg; einen Stand mit Met und Zwergensuppe (die ich lieber nicht kosten mag), einen mit Absinth und einen mit Prospekten über den Spreepark und Spreepark-Merchandise-Artikeln und mitten in der alten Dorfkulisse sogar einen kleinen Glühweinverkauf. Wir balancieren unsere Tassen – so klebrig, als hätten schon hunderte Besucher sie benutzt, was schwer vorstellbar ist – zum Zirkuszelt zurück, weil das der einzige warme, trockene Ort ist, und machen es uns auf einem der Sofas gemütlich. Eine Frau schlüpft in ein Schneemannkostüm und stößt mit den Spekulatiusmädchen an – vielleicht waren sie es, die auch unsere Glühweintassen klebrig gemacht haben. Mit der Zeit stecken ein oder zwei andere Besucher kurz ihre Köpfe ins Zelt, aber niemand kommt herein. Als wir hinausgehen, Plätzchen und Spekulatius im Gepäck, weil der kleine Verkaufsstand sonst ganz umsonst aufgebaut worden wäre, ist es draußen vollständig dunkel geworden. Die Lampe im Hals des kopflosen Dinos lässt das Gras lila schimmern. Das Riesenrad – stellen wir mit Ah und Oh fest – wird von unten angestrahlt. Rot und Lila, Gelb und Grün leuchten die Streben, die weit hinauf zu den Gondeln führen, und die Unterseiten der Gondeln, die sich noch immer sacht und stetig vorbeidrehen.

Auf die Häuserkulisse werden Lichtinstallationen geworfen: Engel und Sterne und Fledermäuse. Auf dem kleinen Platz zwischen den vier oder fünf Buden stehen jetzt zwei alte Schwanenboote. zwischen denen sich ein paar Besucher – oder Mitarbeiter – an einer Feuertonne wärmen. „Schenk mir Schokolade, schenk mir Eis am Stiel – das wird mir nicht zu viel – denn mein Gabentisch ist an Weihnachten sehr stabil“ singen die Prinzen aus dem Büdchen mit dem großen herzförmigen Eingang. Wir stellen uns an die Feuertonne, betrachten das leuchtende Riesenrad und die Engel an den Fassaden des kleinen Pseudodörfchens und den Regenschirmweihnachtsbaum und sehen den Funken zu, die wie kleine, nur halb gewagte Wünsche ein Stückchen – aber nur ein Stückchen – Richtung Himmel aufstieben.

Ganz klar: wir sind an einem verzauberten Ort, wir haben den geheimsten Geheimtipp von allen gefunden.

Oh, ich wünsche den mutigen Betreibern des kleinen Marktes, dass ihre Idee sich herumspricht, dass die Besucher kommen und die Zwergensuppe und den Absinth und die Tassen mit den Aufdrucken verrotteter Fahrgeschäfte und die Broschüren über den Spreepark kaufen und im Weihnachtszirkuszelt basteln und Schinkenspekulatius auf ihre heimischen Gabentische legen… Weil ich sie so sympathisch finde, die Männer und Frauen, die hier etwas ausprobieren und auf die Beine zu stellen versuchen und ausharren, während es schon wieder tröpfelt und die Wege schlammiger und schlammiger werden und denen die nasse Kälte schon lange unter die Winterjacken gekrochen sein muss.

Aber werden sie kommen, die Besucherscharen? Als wir zurückgehen, ist es so dunkel, dass wir die Pfützen auf dem Weg garnicht mehr erkennen können. Die Pförtnerbude, in der anscheinend noch immer kein Eintritt verlangt wird, ist unbeleuchtet. Und der Weg zurück – aus dem Wald, in die Wirklichkeit – auch. Wir tapsen durch den Morast, und als wir die Straße erreicht haben, ist nichts mehr zu erkennen oder auch nur zu ahnen vom kleinsten und geheimsten Weihnachtsmarkt Berlins. Vielleicht ist von Ferne zu sehen, dass das Riesenrad im Plänterwald bunt leuchtet. Aber wer wird deshalb hierherfinden?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s